Der Fall Gleiwitz und seine Zeugen

Hamburg

Der Film-Club Hamburg e.V. lud zum Ostberliner DEFA-Film „Der Fall Gleiwitz“ ein. Man hatte aber vor, mehr zu bieten als den historisch-politischen Film, also den von Hitler inszenierten Überfall auf den Sender Gleiwitz am 31. August 1939, bei dem SS-Leute, verkleidet als polnische Insurgenten, eine jener „Provokationen“ spielten, die gebraucht wurden. (Wenige Stunden nach dem Fall Gleiwitz hieß es: „Seit heute früh fünf Uhr fünfundvierzig wird zurückgeschossen.“) Der Film-Club wollte sich nicht damit begnügen, vierundzwanzig Jahre danach Hitlers Streich durchs östliche Objektiv zu blicken, er wollte den Fall auch objektiv betrachten.

Da Männer die Geschichte gemacht hatten, war man darauf gekommen, daß ein an der Mache beteiligter Mann wohl gut darüber Auskunft geben könnte, ob die östliche Linse die Ereignisse treulich referiert hatte. Glückliches Hamburg – in seinen Wällen befindet sich nicht nur irgendeiner, der es erlebte, sondern der Haupt-Mann der Gleiwitzer Geschichte.

Der Film-Club lud ein: „Das Einmalige und Besondere an dieser Veranstaltung ist, daß der Leiter dieser Aktion, der ehemalige SS-Hauptsturmführer im Amt VI des RSHA (Reichssicherheitshauptamt, d. Red.), Alfred Helmut Naujocks, in Hamburg ist und sich bereiterklärt hat, anläßlich unserer Vorführung den tatsächlichen Ablauf des Geschehens zu schildern und in der anschließenden Diskussion für seine Handlungen Rede und Antwort zu stehen. Es dürfte allen Besuchern dieser Veranstaltung ein sehr interessanter Abend bevorstehen.“

„In letzter Minute“

Zu dem erlösenden Erlebnis, „den tatsächlichen Ablauf“, die Wahrheit also aus dem Munde des Haupttäters jener Aktion zu vernehmen, deren Wesen die Lüge war, kam es nun allerdings nicht. Anders als vor einiger Zeit die Leute vom Gymnasium in Geesthacht, die den Kronzeugen Dönitz einluden, sahen die Verantwortlichen der Hamburger Schulbehörde einen solchen Plan an. Der Film-Club, Gast in der Aula einer der Schulbehörde unterstehenden Handelsschule, wurde davon verständigt, daß dort der Auftritt des „Leiters der Aktion“ nicht erwünscht sei.