Der Mensch bleibt das Maß

In den Gewerkschaftlichen Monatsheften (Nr. 9) setzt sich Ludwig Rosenberg mit den Fragen auseinander, die sich aus der Automation ergeben. Er spricht von den Menschen, die lieber auf den technischen Fortschritt verzichten wollen, solange noch kein Mittel gefunden ist, die sozialen Mißstände zu beseitigen, die sich daraus ergeben. Rosenberg meint, man verlache diese Menschen als naive Träumer; in Wirklichkeit hätten sie das Rechte gesagt, da sie das rechte Maß gefunden hätten: das Maß, das am Menschen seine Norm finde. Auch die Gewerkschaften seien dem Rausch der Zahlen und der Musik der Maschinen nicht verfallen, sie hätten die harte Welt der Arbeit niemals idealisiert und ihre Gefahren nicht bagatellisiert. Aber sie wollten die kommende Entwicklung in die rechten Bahnen gelenkt wissen. Weder Gewerkschaften noch Betriebe noch überhaupt eine Gesellschaftsgruppe reichten aus, die ungeheuren Probleme zu meistern. Alle Glieder des gesellschaftlichen Lebens seien aufgerufen, die Entwicklung in Bahnen zu lenken, die diese technischen Vorgänge zum Segen und nicht zum Fluch werden ließen.

Gesetze reichen nicht aus

Walter Lippmann untersucht in„Newsweek“ (Nr. 12) die Lage der Neger nach dem „Marsch auf Washington“. Er warnt vor der Annahme, Gesetze könnten die Herzen der Weißen oder der Farbigen ändern. Die wirtschaftlichen Beschwerden der Neger könnten nicht durch behördliche Anordnungen befriedigt werden, auch nicht durch ein System, nach dem die Neger entsprechend ihrem-Anteil an der Gesamtbevölkerung beschäftigt werden müßten. Helfen könne nur ein wirtschaftlicher Aufschwung, der insgesamt zwei bis drei Millionen neuer Arbeitsplätze schaffen müsse. Das Schlimmste sei das Stigma, das den Negern aufgebrannt werde, wenn sie in einem Motel ein Zimmer, in einem Gasthaus ein belegtes Brot wünschten. Senator Goldwater freilich sei der Meinung, daß keinem Gasthausbesitzer sein Recht genommen werden dürfe, über sein privates Eigentum nach seinem Gutdünken zu verfügen. Aber Goldwaters Auffassung sei den Wahrheiten des Christentums entgegengesetzt; Eigentum bedeutet auch eine Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft.

Lippoldsberger Dichtertag

Christian Heimpel berichtet in den „Frankfurter Heften (Nr. 9) über die erschütternden Eindrücke, die er auf dem Lippoldsberger Dichtertag empfing und über die Unmöglichkeit, sich überhaupt noch zu verständigen. Wer den Lippoldsbergern klar zu machen versucht, daß nur der sich zu seinem Vaterland bekennen kann, der auch bereit ist, die Last der Verbrechen mitzutragen, die im Namen dieses Vaterlandes begangen worden sind, ein solcherart Diskutierender ist sogleich ein „Nestbeschmutzer“, ein „Meaculpist“. Noch die physische Qual, die Todesangst von Menschen wird von solcher Art der Argumentation beschmutzt. „Wenn die Erinnerung an das Weinen von Kindern, die in den Ofen müssen und noch nicht ganz tot sind, ein kleines Schluchzen nur, über das niemand mehr zu berichten vermag, wenn das nicht mehr zu erschüttern vermag, sondern zur Fälschung, zur Sentimentalität, zur Historie wird – was soll dann aus Deutschland werden.“