Was Bonner Auguren schon im Frühjahrprophezeiten, scheint nun wahr zu Werden: der seit Jahren stabile Zuckerpreis soll erhöht werden. Eine entsprechende Forderung des Deutschen Bauernverbandes hat sich nämlich binnen weniger Monate zu einem offiziellen Antrag des Bundesernährungsministers beim Bundesminister für Wirtschaft verdichtet.

Dort war man nicht schlecht erstaunt. Gestützt auf die alljährlichen Feststellungen der Grünen Berichte hatte man sich im BWM in dem zuversichtlichen Glauben gewiegt, die dort ausgewiesenen und für die deutsche Landwirtschaft überdurchschnittlichen Betriebsergebnisse der Zuckerrübenanbaubetriebe würden eine Anhebung des Zuckerrübenpreises am allerwenigsten nötig machen. Doch die vom Bundesernährungsminister angestellte neuerliche Rentabilitätsabrechnung weist in Zahlen klipp und klar nach, daß die deutsche Landwirtschaft mit den 6,75 DM, die sie bis jetzt für den Doppelzentner Rüben erhält, wegen der gestiegenen Betriebskosten nicht mehr zurechtkommen kann. Darum sei es notwendig, den Rübenpreis um 0,50 DM auf 7,25 DM je Doppelzentner anzuheben.

Die Experten des Bundeswirtschaftsministeriums fahnden jetzt nach dem Rechenfehler. Entweder haben in der Vergangenheit die Grünen Berichte für die Rübenanbaubetriebe ein zu rosiges Bild gemalt, oder es müßte in der neuen Rentabilitätsberechnung noch etwas „Luft“ verborgen sein. Gleichwohl führt in dieser „Preisfrage“ kein Weg am Bundeswirtschaftsminister vorbei. Der Bundesernährungsminister kann die Preise für die Zuckerrüben nämlich nur im Einvernehmen mit dem Bundeswirtschaftsminister erhöhen. Wenn dieser nicht mitspielt, muß das Gesamtkabinett über den Antrag entscheiden.

Sollte Erhard in vier Wochen als Bundeskanzler möglicherweise genehmigen, was er heute als Bundeswirtschaftsminister noch ablehnen möchte? Oder wird der Bundeswirtschaftsminister Erhard eine Preisanhebung durchgehen lassen, die der Bundeskanzler Erhard eigentlich verhindern müßte

Für das Letztere spricht die Praxis der jüngsten Butterpreiserhöhung um 0,20 DM je kg. Die wurde in einem geräuschlosen Zusammenspiel von Ernährungsverwaltung, Handel und Milchwirtschaft über die Bühne der verschiedenen Butterbörsen gezogen. Allerdings bedurfte es zu der Butterpreiserhöhung keiner kompromittierenden Unterschriften unter regierungsämtliche Preisverordnungen;

Wäre der Antrag des Bundesernährungsministers nicht auf die jetzt einsetzende Zuckerkampagne gezielt, hätte er gut und gern noch einige Monate Zeit gehabt, in der Landwirtschaft Hoffnungen auf höhere Preise zu wecken. Aber wegen des Beginns des neuen Wirtschaftsjahres im Zuckerrübenbau muß es Bundesminister Schwarz eilig haben.

An dem Preis für die Zuckerrüben hängt allerdings untrennbar auch der Zuckerpreis, der ebenfalls durch eine neue Preisverordnung der Bundesregierung erhöht werden müßte. Niemand will nämlich dem Handel und den Zuckerfabriken zumuten, die Rübenpreiserhöhung aus der eigenen Tsche zu bezahlen. Wie sich das auf staatlich reglementierten und vom Preiswettbewerb ausgenommenen Märkten gehört, ist deshalb auch schon eine Anhebung der Zuckerpreise beantragt, und zwar von 100 auf 106 DM je Doppelzentner. Der Handel soll bei dieser Gelegenheit nämlich gleichfalls 1 DM je Dz zugeschustert bekommen.