Von Thomas Ross

Bulgarien war 1944, als die Kommunisten ans Ruder kamen, das am wenigsten entwickelte Land Osteuropas; ein Agrarstaat mit nur wenigen industriellen Betrieben. Mit um so größerem Ehrgeiz gingen die neuen Machthaber an den Auf- und Umbau des Landes. Sie erwiesen sich als Musterschüler der Sowjets. Auf Grund ihrer traditionellen Bindungen an Rußland mag ihnen das auch leichter gefallen sein als anderen Ländern des Ostblocks. Besonders rasch wurde die Kollektivierung der Landwirtschaft vorangetrieben. Auf dem planwirtschaftlichen Programm stand aber an erster Stelle die Errichtung gigantischer Industrieanlagen.

Bald zeigte sich das, was nicht ausbleiben konnte. Mit dem Wachsen der Industrie stieg auch der Bedarf an Rohstoffen und Maschinen, der zu einem Großteil aus dem Erlös landwirtschaftlichen Exporte gedeckt werden mußte. Die landwirtschaftliche Erzeugung, die gegenüber der industriellen allzu stiefmütterlich behandelt wurde, nahm jedoch nicht genug zu, um den steigenden wiewohl immer noch bescheidenen Inlandsbedarf decken zu können. Das ist eines der Hauptprobleme, mit dem sich Bulgarien heute auseinanderzusetzen hat. Man hat sich nunmehr das Ziel gesetzt, sowohl die Leistungen der Industrie zu steigern wie auch ein rascheres Wachstum der Landwirtschaft zu ermöglichen – unter Lockerung der zwangswirtschaftlichen Fesseln.

Was zunächst die Industrie betrifft, so zeichnen sich klar erkennbare Tendenzen ab, den einzelnen Unternehmen eine größere Selbständigkeit zu geben. Das „Oberkommando“ liegt zwar nach wie vor in der Hand staatlicher Planungskommissonen, die Betriebsdirektionen erhalten jedoch zunehmend größere Entscheidungsfreiheit.

Im Einzelfalle wirkt sich das beispielsweise darin aus, daß dem bisherigen Direktor einer Werkzeugmaschinenfabrik, einem Techniker, als Stellvertreter ein Kaufmann an die Seite gestellt wird. Das ist ein Novum in der planwirtschaftlichen Geschichte Bulgariens, das aber bereits Schule zu machen beginnt und von einer Revision in der Beurteilung der Unternehmensführung zeugt. Das Motto der bulgarischen Wirtschaftsreform lautet etwa: Die Direktion im Amt wird durch die Direktion im Betrieb ersetzt.

Die zentrale Planung bleibt von dieser Neuregelung unberührt, sie wird nur gelockert. Bisher gab es etwa 200 Plangrößen für die Industrie, die, von der Erzeugung angefangen, alles bis ins Detail genau vorschrieben. Künftig will man sich pro Betrieb auf ungefähr ein halbes Dutzend Planvorschriften beschränken. Die Produktionsziele werden nur noch global gestellt, während sich die bisherigen Anordnungen und Richtlinien auch auf kleinste Einzelheiten erstreckten.

Eine andere interessante Entwicklung zeichnet sich in der bewußten Förderung der Konzentration durch die Fusionierung kleinerer Betriebseinheiten ab. In der Werkzeugmaschinenindustrie ist diese Tendenz besonders auffällig. Die Schiffswerften sind bereits vor einem Jahr in dieser Weise zusammengeschlossen worden.