Eindrücke und Einsichten bei der Vollversammlung der UN

Von Thilo Koch

New York, im September

Über die tausend Fenster der UNO-Gebäude rinnt der Regen. Vom East-River hallen gedämpft die Nebelhörner herüber. Über die Rolltreppen kommen die Delegierten von nunmehr 111 Nationen in den blau-goldenen Raum der Vollversammlung. Gelassen und routiniert eröffnet das Weltparlament seine achtzehnte Generaldebatte. Es ist der Tag, an dem vor zwei Jahren Dag Hammarskjöld einen mysteriösen Tod im afrikanischen Busch starb. „Wir vermissen ihn noch immer“ sagt Mr. Nichols, der mir meinen Presseausweis überreicht. Diesmal muß ein Paßfoto darauf; die Sicherheitsvorkehrungen wurden verschärft.

Die Eröffnungssitzung verläuft so würdig, daß ich lieber in die Wandelgänge zurückkehre, wo es schon immer interessanter war, als zu Füßen der Rednertribünen. Señor Carlos Sosa Rodriguez, Chef der venezolanischen UN-Delegation, ist zum neuen Präsidenten gewählt. Bleich und edel, ein auffallend schönes Profil, lenkt er in wohlklingendem Spanisch die Abfolge der ersten Adressen, die Wahl der Ausschußvorsitzenden. Ich stehe zufällig am Delegierten-Eingang, als mitten im Plenarsaal Tumult aufkommt. Der blau-uniformierte Zerberus ist so fasziniert, daß er mich nicht durchschlüpfen sieht. Ein Exil-Kubaner wird abgeführt, die Arme nach hinten gerissen.

Das hat es noch nicht gegeben. In der First-Avenue, vor dem Zaun des UN-Geländes, waren sie schon oft erschienen, die dunkeläugigen, bescheiden gekleideten Castro-Flüchtlinge. Diesmal hatten sich einige von ihnen in die routinemäßigen Besucherführungen eingeschmuggelt, waren dann über das flache Geländer zwischen Publikumstribüne und Parkett gesprungen, um die Castro-Delegierten inmitten der Vollversammlung tätlich anzugreifen. Das Weltparlament schien für einen Augenblick den Atem anzuhalten. Generalsekretär U-Thant, rechts neben Präsident Sosa Rodriguez, blieb, wie immer der lächelnde Buddha mit Brille und im Maßanzug. Das ungebührliche Betragen einiger verzweifelter Männer war nach wenigen Minuten beiseite gewischt, wie der lästige Spritzer auf einem gebohnerten Parkett.

Die Episode hinterließ wenig Eindruck. Da saßen sie, die bedeutenden Politiker aus III Ländern, unter ihnen ein paar Dutzend Außenminister und einige Regierungschefs. Sie kamen vom „Arbeitsessen“; sie besprachen in guter Haltung, philosophischen Wendungen, nach den erprobten Regeln des Parlamentarismus, die Konflikte der Welt.