Prag, Ende September

Ein 40jähriger Slowake steht seit dem vergangenen Sonntag an der Spitze der tschechoslowakischen Regierung: Jozef Lenart. Er löste den Slowaken Viliam Siroky ab, der fast zehn Jahre lang Ministerpräsident gewesen war. Mit Siroky scheiden weitere vier Kabinettsmitglieder aus.

Die Gestürzten haben fast alle eines gemeinsam: sie haben geholfen, andere Parteigenossen an den Galgen und in den Kerker zu bringen. Auch die Neuen haben etwas Gemeinsames: sie sind alle knapp 40 Jahre alt und unbelastet. Die Tschechoslowakei ist dabei, ihre stalinistische Vergangenheit zu bewältigen. Und wer in der Tschechoslowakei an die Vergangenheit denkt, erinnert sich an den Slansky-Prozeß.

Am 27. November 1952 hatte Slansky vor dem Obersten Gerichtshof in seinem Schlußwort gesagt: „Ich weiß, daß das vom Anklagevertreter geforderte Todesurteil gegen mich ein gerechtes Urteil ist für all die schrecklichen Verbrechen, deren ich mich schuldig gemacht habe.“ Und dann hatte der einstmals mächtigste Mann der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei aufgezählt, was er und dreizehn Mitangeklagte alles verbrochen hätten:

Ich stand an der Spitze eines staatsfeindlichen Spionagezentrums. Ich schuf dieses Zentrum, leitete seine Tätigkeit und führte meine Mitangeklagten den amerikanischen Imperialisten zu – auf einen Kurs des Verrates, der Verschwörung und der Spionage. Ich war der Hauptspion der amerikanischen Imperialisten. Ich habe die heimtückischsten Verbrechen begangen, ich wollte in der Tschechoslowakei eine faschistische Diktatur errichten. Ich weiß, es gibt für mich keine mildernden Umstände, keine Entschuldigungen, keine Rücksicht. Ich verdiene kein anderes Ende meines verbrecherischen Lebens als das vom Anklagevertreter geforderte Ende am Galgen.“

Wenige Tage später hingen er und zehn andere Spitzenfunktionäre der tschechischen Kommunistischen Partei am Galgen. Drei weitere Mitangeklagte wurden zu lebenslänglich Zuchthaus verurteilt. Mit ihnen, so weiß man heute, wanderten über 25 000 Tschechoslowaken, fast alles Parteigenossen, in die Kerker.

Seit Jahren weiß man, daß die vom Justizministerium herausgegebenen 584 Seiten Protokolle des Slansky-Prozesses eine einzige Lüge waren. Im Mai 1963 wurde die bis dahin stillschweigende Rehabilitierung der Gehängten und Eingekerkerten offiziell. Der Ankläger im Slansky-Prozeß, Josef Urvalek, der noch im Dezember 1962 zum Vorsitzenden des Obersten Gerichtshofes befördert worden war, trat in diesem Mai „aus Gesundheitsgründen“ zurück. Immerhin bezieht er auch heute noch eine Pension, genau wie seine Opfer und deren Hinterbliebene.