Walsers frühe Geschichten sind zeitkritische Diagnosen und Proteste gegen einen Zustand, der das Individuum an seiner Entfaltung hindert, es verkümmern läßt und zugrunde richtet. Dies gilt ebenso für Walsers spätere Prosa. Wenn auch mit anderen Mitteln, so demonstriert er immer wieder an den Schicksalen verschiedener Gestalten die Absurdität eines Daseins, in dem der Mut eines Sparkassenräubers eigentlich für jeden Beruf unentbehrlich wird. Und er tut dies in dem Bewußtsein der eigenen Ohnmacht.

Der engagierte Schriftsteller von gestern konnte noch glauben, er sei imstande, etwas unmittelbar zu verändern. Der engagierte Schriftsteller von heute macht sich derartige Illusionen nicht mehr. Der letzte Satz des Bandes Ein Flugzeug über dem Haus lautet: „Ich kann das nicht andern.“ Derselbe Satz könnte auch als Motto der Ehen in Philippsburg und der Halbzeit dienen. Der Autor dieser Bücher hält es für seine Pflicht zu sagen, was er hier und heute sieht – obwohl er nicht die Macht hat, es zu ändern, und weil er diese Macht nicht hat.

Der Erstling läßt jedoch nicht nur die Grundhaltung Walsers erkennen, sondern nimmt auch die wesentlichsten Probleme und die thematischen Motive seiner Prosa vorweg. Der Druck des Kollektivs auf das Leben des Individuums wird in der Geschichte Ich suche eine Frau behandelt. Erscheinungen und Folgen des Kulturbetriebs zeigen Die letzte Matinee und Was wären wir ohne Belmonte. Das Motiv der Entfremdung und der Vereinsamung steht im Vordergrund der Geschichten Templones Ende und Der Umzug. Auch die Sexualproblematik, der Walser später viel Raum widmen wird, taucht bereits hier auf – in der Titelgeschichte, einem Gleichnis vom Gegensatz und Kampf der Geschlechter.

Die Helden der meisten dieser Geschichten sind die kleinen Leute – ein Mechaniker, ein Portier, ein Angestellter. Der kleine Mann, der womöglich noch aus einer Kleinstadt kommt, wird Walsers Held bleiben. Und oft determiniert der Held die Perspektive. In der Geschichte Der Umzug erbt ein Mechaniker, der in einer ärmlichen Straße lebt, eine Wohnung im vornehmsten Viertel der Stadt. Er zieht dorthin, sieht mit Entsetzen ein ihm gänzlich fremdes und unverständliches Milieu und kehrt schleunigst wieder zurück – um der „endgültigen Versteinerung“ zu entgehen. Hier ist Walsers Lieblingsperspektive angedeutet: die große Welt aus der Sicht des kleinen Mannes; wobei man freilich beide Eigenschaftsworte – groß und klein – mit ironischen Anführungsstrichen versehen muß.

Zwei Jahre nach dem Flugzeug über dem Haus folgt das Buch Die Ehen in Philippsburg. Die Problematik, die grundsätzliche Haltung und die Zielsetzung haben sich nicht geändert, wohl aber die Mittel. Was die Geschichten des Erstlings in abstrakten Räumen exemplifizierten oder zu exemplifizieren versuchten, wird nunmehr in einer konkreten Welt angesiedelt. In der Geschichte Die letzte Matinee hieß es: „Die Realität macht Seitensprünge“, woran der Autor in Klammern die Bemerkung anknüpfte: „Als wäre die Realität das, was wir dafür halten.“ Es ist jedoch leichter, die Realität anzuzweifeln, als sie darzustellen.

Ein westdeutscher Erzähler, der in den fünfziger Jahren mit Gleichnissen experimentierte und womöglich reale Elemente mit irrealen zu verquicken suchte, konnte hoffen, ihm werde der immerhin ehrenvolle Vorwurf der Kafka-Hörigkeit gemacht werden. Wie aber, wenn er die Wirklichkeit unmittelbar darstellen wollte? Er lief Gefahr, als biederer Realist, als jämmerlicher Nachzügler des 19. Jahrhunderts und als bedauernswerter Schüler Balzacs beschimpft zu werden. In der Tat, in mehreren Rezensionen der Ehen in Philippsburg tauchte der Name Balzac auf – und, wie wir sehen werden, nicht ganz zu Unrecht.

Auch konnten einem solchen Autor, wenn er Zeitfragen unmißverständlich behandelte, gesellschaftskritische Tendenzen nachgesagt werden, was wohl 1957 einer besonders ehrenrührigen Verunglimpfung gleichkam, denn Martin Walser glaubte öffentlich beteuern zu müssen – in einer Ansprache, mit der er für den ihm verliehenen Hermann-Hesse-Preis dankte –, es sei keineswegs seine Absicht gewesen, einen gesellschaftskritischen Roman zu schreiben, vielmehr sei das Buch „gewissermaßen von selbst dazu geworden“.