Von Kurt Wendt

Ein paar Tage schwankender Kurse haben den Skeptikern unter den deutschen Aktienanlegern wieder Oberwasser gegeben. Sie vertreten die Auffasung, daß die bisherigen Kurssteigerungen im großen und ganzen wohl berechtigt waren, aber nunmehr Vorsicht am Platze ist. Zur Untermauerung ihrer Meinung ziehen sie die Auftrags- und Umsatzstatistiken der deutschen Industrie heran, die eine entscheidende Wende tatsächlich noch nicht erkennen lassen und denen man nur schwer ansehen kann, ob der leichte Anstieg in dem einen oder anderen Fall lediglich auf saisonale Gründe (Nachholbedarf durch den langen Winter) zurückzuführen ist oder tatsächlich einen neuen Konjunkturaufschwung ankündigt. Unverkennbar ist in einigen Kreisen auch ein gewisser Zweckpessimismus. Er erklärt sich mit dem Wunsche, „schlafende Löwen“ nicht zu wecken. Man möchte durch einen frühzeitigen Optimismus weder neue Lohnforderungen der Gewerkschaften herausfordern, noch jene Kreise unterstützen, die bereits von der Notwendigkeit konjunkturdämpfenden Maßnahmen sprechen. So läßt beispielsweise die Gemeinschaft zum Schutz der deutschen Sparer keinen Zweifel daran, daß für sie die sich verbessernden Wettbewerbsfähigkeit der westdeutschen Wirtschaft und die sich, anbahnende Exportkonjunktur kein Anlaß zu uneingeschränkter Freude ist. „Es ist zu befürchten“, so schreibt sie, „daß sich auf die Exportkonjunktur die übliche Investitionskonjunktur aufbaut, da mit den wachsenden Exportüberschüssen auch die Gewinnsituation besser wird. Wenn sich aber der wirtschaftliche Aufschwung in dieser Weise beschleunigt, dürften bei der weiterhin angespannten Lage auf dem Arbeitsmarkt die Löhne sehr bald wieder erheblich über den Produktivitätsfortschritt hinausgehen und so den ohnehin noch nicht ganz überwundenen Preis- und Kostenauftrieb erneut verschärfen. Auf jeden Fall wäre es verfehlt, wenn man die Konjunktur – wie es gerade in jüngster Zeit von Seiten der Industrie verlangt worden ist – durch investitionsanregende Maßnahmen, durch die Beseitigung des Baustopps und ehe verstärkte Förderung des Exports ‚auf eine breitere Basis‘ stellen wollte. So wie die wirtschaftlichen Daten heute gesetzt sind, bedarf es keinerlei konjunkturanregender Daten mehr, wenn nicht die Gefahr einer sehr schnellen Konjunktur- – überhitzung heraufbeschworen werden soll.“

Von einer Überhitzung dürften wir allerdings noch sehr weit entfernt sein, denn in weiten Bereichen der deutschen Wirtschaft gibt es noch unausgenutzte Kapazitäten und die Investitionsvorhaben beziehen sich – wie sich unschwer erkennen läßt – auch weniger auf die Vergrößerung der Produktionskapazitäten als vielmehr auf Rationalisierungen mit dem Ziel, sich von dem Faktor „Arbeitskraft“ weiter unabhängiger zu machen. Die Bauwirtschaft ist in der Konjunkturdebatte ein Sonderfall. Die hier auftretenden Überhitzungserscheinungen lassen sich mit Baustopp-Maßnahmen kaum beseitigen, weil erstens die öffentliche Hand eigene Wege geht und an eine Selbstbescheidung nicht denkt, und weil zum anderen Ausnahmegenehmigungen reichlich erteilt werden.

Selbstverständlich verläuft die Konjunkturentwicklung sehr differenziert – und darauf scheint die Börse in gewisser Weise auch Rücksicht zu nehmen, wenn sie einzelne Branchen zur Zeit „links liegen“ läßt. Mit Recht wird beispielsweise von der Commerzbank in ihrem Börsenbericht darauf aufmerksam gemacht, daß in manchen Bereichen der Kostendruck noch kaum nachgelassen hat und daß der Lohnauftrieb noch immer über dem Produktionsfortschritt hinausgeht.

Aber das hindert die Aktienkäufer nicht, eine aufstrebende Konjunkturentwicklung vorauszusehen. Damit stimmen sie wenigstens im Trend mit der Gemeinschaft der deutschen Sparer überein, wenngleich natürlich der Aktiensparer die Situation unter anderen Vorzeichen betrachtet, als es jene tun, die das Sparen in Geldwerten propagieren. Die Börse versucht jetzt, die von ihr erwarteten verbesserten Ertragsaussichten in ihren Kursen zu berücksichtigen. Der Aktienkäufer von heute ist bereit, für seine optimistische Meinung mit einem beträchtlichen finanziellen Risiko einzustehen. Er hat aber – wenn seine Prognose richtig sein sollte – auch die größten Gewinnchancen. Der Masse des Bankenpublikums scheint der Mut zum Risiko noch zu fehlen. Leider ist zu erwarten, daß das Publikum erst dann wieder „mit Macht“ in die Aktien geben wird, wenn sich die Kurse wieder einmal ihrem höchsten Punkt nähern.

Nun ist es allerdings keineswegs so, daß das breite Publikum in den letzten Wochen völlig abseits gestanden hat. Grundsätzlich hat es an seinem bisherigen (oftmals zu höheren Kursen als heute erworbenen) Besitz festgehalten. Verkauft wurde nur dort, wo auf Grund von Sondersituation ein überdurchschnittlicher Anstieg eingetreten war (zum Beispiel bei den Aktien der Gelsenkirchener Bergwerks-AG). Das hier erlöste Geld wurde aber sofort wieder angelegt, gelegentlich auch noch etwas mehr. Von den wenigen Bezugsrechten ist meist in vollem Umfang Gebrauch gemacht worden. Für größere Aktienkäufe scheinen aber die finanziellen Reserven begrenzt zu sein. Diese sind in den letzten Jahren meist zum Kauf von Rentenwerten verwandt worden. Nur wenige Sparer entschlossen sich bislang, ihre sechsprozentigen Papiere in Aktien zu tauschen. Im Gegenteil, die neuen Anleihen erfreuen sich gerade im breiten Publikum einer steigenden Beliebtheit.

Wenn sich trotzdem die Kurse von Monat zu Monat aufwärts entwickelt haben, so spricht das für die Stabilität der gegenwärtigen Börsenverfassung. Sie wurde auch nicht durch die gelegentlichen Verkäufe aus amerikanischen Beständen in Mitleidenschaft gezogen. Wenn sich einige US-Investment-Fonds entschlossen haben, ihre ausländischen Portefeuilles zugunsten der amerikanischen Aktien zu vermindern, dann lag dem die Hoffnung zugrunde, an den US-Aktien in nächster Zeit mehr verdienen zu können als an den europäischen Papieren. Solche Ansichten werden von der Masse der amerikanischen Anleger mit Sicherheit nicht geteilt, was auch verständlich ist, denn schließlich hat der Dow-Jones-Index in diesen Tagen seinen bisherigen Nachkriegshöchststand überschritten. Bei den deutschen Aktien ist dagegen noch sehr viel Raum nach oben frei, bevor sie an die Hausse-Kurse des Jahres 1960 wieder heranreichen.