Von Theo Sommer

Mit seiner Zustimmung zum Moskauer Testbann-Abkommen hat der amerikanische Senat den Schlußpunkt hinter das erste Kapitel der west-östlichen Entspannungsdiplomatie gesetzt. Jetzt wollen die Außenminister der Vereinigten Staaten, Großbritanniens und der Sowjetunion in New York das zweite Kapitel aufschlagen. Noch ist nicht zu erkennen, wie es ausgehen mag. Doch fällt es schwer, sich der quälenden Vorstellung zu erwehren, daß ein erfolgreicher Abschluß der nächsten Verhandlungsrunde im Endeffekt kaum minder schlimm wäre als ihr Scheitern.

Das klingt paradox, ist es jedoch nicht. Scheitern die New Yorker Verhandlungen, risse danach der mühselig angeknüpfte Gesprächsfaden wieder ab, so wäre aufs neue die Hoffnung dahin, daß endlich das Eis des Kalten Krieges bricht. Eine Chance wäre verpaßt, von der niemand weiß, ob oder wann sie je wiederkehrt – die Chance, in der Weltpolitik allmählich ein neues Klima und neue Konstellationen zu schaffen. Es ist die einzige, die wenigstens die Möglichkeit birgt, daß am Ende auch die Probleme der Teilung Deutschlands und Europas noch einmal wieder lösbar werden.

Wenn aber die Gespräche am Rande der UN-Vollversammlung erfolgreich verliefen? Dann wäre die Gefahr groß, daß sich das kontinentale Westeuropa von den Angelsachsen und den Sowjets vergewaltigt fühlte, daß gegen die Amerikaner und Briten der Vorwurf illoyalen "Alleingangs" erhoben würde, und daß bei diesem Streit, von dem uns die Aufregung über das Mos- – kauer Abkommen im Juli schon einen Vorgeschmack beschert hat, das westliche Bündnis vollends in die Brüche ginge.

Ein Minimum an Einsicht und ein Maximum an Routine halten die Nordatlantische Allianz notdürftig zusammen; ihr Mechanismus funktioniert. Aber er funktioniert in einem Vakuum. Er klappert noch, doch er produziert nicht mehr. Er behauptet sich mit Mühe und Not gegen jene, die ihn demontieren möchten, doch er besitzt nicht die Kraft, aus der Routine zur Reform durchzubrechen. Das liegt zum guten Teil an Frankreich, das den nach dem Integrationsprinzip konstruierten Motor ganz ausbauen möchte. (General de Gaulle: "Diese Organisation wurde auf der Grundlage der Integration aufgebaut, die für uns nicht mehr von Wert ist.")

Es liegt allerdings auch an der Trägheit der anderen Partner. Amerika glaubt sich zuweilen übermächtig genug, um seine Verbündeten einfach überfahren zu dürfen; die Europäer quittieren dies damit, daß sie sich durch die Kritik an Washingtons Ideen der Ausarbeitung eigener Vorschläge enthoben wähnen.

Daher aber rührt es, daß die NATO im Jahre 1963 nicht einmal eine von allen Partnern akzeptierte Strategie besitzt – ganz zu schweigen von den Streitkräften, die das Unterfutter einer solchen Strategie bilden müßten. Pläne gibt es genug, Papiere und Geheimdokumente, jedoch keine Gemeinsamkeit. Weil sich die Allianzmitglieder über eine neue Militärdoktrin nicht haben einigen können, lassen sie einfach die alte, die vor sechs Jahren im Dokument MC-70 niedergelegt ist, weitergelten. Das ist bequem, erweckt aber kein Vertrauen. Es ist ironisch: Seit Jahren tobt der Streit um die Kontrolle der Strategie, dabei gibt es im Augenblick gar keine, die diesen Namen verdiente, und die man kontrollieren könnte ...