An Vorschlägen, wie das Malaise zu beheben sei, hat es in den vergangenen Jahren nicht gefehlt, wenngleich noch keine Regierung sie offiziell auf ihr Programm gesetzt hat. Am vergangenen Wochenende sind sie auf einer Konferenz westlicher Militärfachleute in Cambridge zu wiederholtem Male einmütig gefordert worden. Einmal: eine Umgliederung des NATO-Sekretariats, die es zu einem wirksamen Zentrum alliierter Diskussion und Planung macht und seinen Chef zu einer Art atlantischen Verteidigungsminister werden läßt. Zum anderen: die Schaffung eines zentralen Generalstabs, womit der unbefriedigenden Situation ein Ende gesetzt würde, daß der örtliche Befehlshaber in Europa als militärischer Ratgeber der politischen Bündnisspitze fungieren muß. Drittens schließlich: die Entsendung von Ministern an Stelle von Botschaftern in den NATO-Rat, damit das Bündnis in den Kabinetten seiner Mitgliedsstaaten gewichtigere Fürsprecher findet als bisher.

Gemeinsame Planung

All diese Strukturänderungen sollen nicht Selbstzweck sein; sie sollen die Voraussetzungen für eine gemeinsame politische und strategische Planung schaffen – eine Planung, der sich sämtliche Parnter (auch die Amerikaner) zu unterwerfen hätten. Allein auf diese Weise könnte der Zwist der Doktrinen zwischen Washington und den europäoschen Hauptstädten beigelegt werden. Informationen und Konsultationen sind für solche gemeinsame Planung nur ein armseliger Ersatz.

Freilich, mit mechanischen Umgliederungsmaßnahmen ist es nicht getan. Dahinter muß wieder ein politischer Wille spürbar werden. Wie er sich voll entfalten soll, solange Charles de Gaulle Obstruktion treibt, ist schwer zu sehen. Dennoch müssen die anderen Partner den Versuch unternehmen. Die geplante multilaterale Atomstreitmacht, die jetzt wieder in den Vordergrund der Diskussion rückt, wäre ein Mittel, solch Willen zum Zusammenhalt zu demonstrieren. Das Projekt könnte das schaffen, was die NATO vor allen Dingen braucht: einen neuen Brennpunkt der Ideen.

Sollte aber die Allianz stagnieren bis zum Jahre 1969, wenn die Laufzeit des Vertrages endet, so würde sie zerfallen. Zumindest würde sie sich in eine Vielzahl unvereinbarer bilateraler Sonderverhältnisse auflösen – ein britisch-amerikanisches, ein amerikanisch-deutsches, ein deutschfranzösisches, um nur die wichtigsten zu nennen. Auf diese Weise würde sich der Westen indes nicht allein den Weg zu einer zukünftigen atlantischen Gemeinschaft verbauen. Seine internen Widersprüche würden ihn auch daran hindern, mit der Sowjetunion einen fruchtbaren Dialog zu führen – zu einem Zeitpunkt, da der Kreml (wer weiß wie lange?) unter einigem Druck steht, sich mit der freien Welt zu arrangieren.

Die innere Festigung des westlichen Bündnisses und die west-östliche Entspannungsdiplomatie hängen deshalb eng miteinander zusammen. Die Konsolidierung der NATO ist geradezu die Voraussetzung für die Entspannung. Deswegen ist die Frage der gemeinsamen Planung in der atlantischen Allianz so wichtig. Sie allein kann das Vertrauen Europas in die langfristigen Ziele der amerikanischen Politik und – umgekehrt – der Vereinigten Staaten in die Zuverlässigkeit der Europäer wiederherstellen. Ohne diese Vertrauensgrundlage müßten alle Abkommen zwischen Moskau und Washington wirkungslos bleiben, denn ohne Europas Mitarbeit wären sie nicht realisierbar. Und damit wären zwei historische Gelegenheiten auf einmal verpaßt.