Klaus Bölling: „Ein Volk vor der Spruchkammer, ZEIT Nr. 38

Als Ergänzung zu. dem Aufsatz von Klaus Bölling mögen folgende Zeilen gewertet werden: Es ist ein Irrtum zu glauben, die „Entnazifizierung“ sei ein fürchterlicher Leidensweg, ein Martyrium für die armen Nazis und womöglich das ganze deutsche Volk gewesen! Das Gegenteil ist richtig! Nach den mehr oder minder willkürlichen Entlassungen und Einstellungen durch die Besatzungsmächte in den ersten Nachkriegsmonaten war die Entnazifizierung die erste Rechtsplanke, die allen Mitarbeitern des Naziregimes und auch den entwurzelten Heimatvertriebenen unter die Füße geschoben wurde ...

Bei vielen, im besonderen den Ostverdrängten, stützte sich das Entnazifizierungsverfahren nur auf ihre eigenen „eidesstattlichen Erklärungen“ und die „Persilscheine“ ihrer Gönner und Freunde, was freilich bösartige und auch ungerechte Scherze auslöste: „Waren Sie Pg. oder sind Sie aus Breslau?“ – „Der Verlust der Heimat wird durch den Verlust der Personalakte aufgehoben.“

Ganz schlaue unter den Beamten tauchten übrigens in einem freien Berufe unter, ließen die Jahre der Entnazifizierung abrollen und traten dann rein wie die schaumgeborene Aphrodite an das Gestade der Bundesrepublik mit der formal richtigen Erklärung, sie seien nie entlassen, geschweige denn interniert, nie in Kategorie IV oder III gewesen, sie forderten energisch ihre Einsetzung in ihre alte, manchmal sehr hohe Dienststellung. Dazu kam, daß alle neu errichteten politischen Parteien sich eifrig um die Konkursmasse der NSDAP bemühten, um mit sich gegenseitig überbietender Großzügigkeit in der „Behandlung der Vergangenheit“ soviel wie möglich Mitglieder und Wähler heranzuziehen, so zum Beispiel in der Tragikomödie der „Jugendamnestie“, die von der, Jugend hohnlachend abgewiesen wurde, weil sie sich nicht schuldig fühlte und daher auch nicht amnestiert werden wollte.

Ja, alte Nazis erfreuten sich in manchen Ratskollegien bei Personalwahlen ganz besonderer Beliebtheit, weil man sich in der CDU und FDP einig war, daß er wenigstens kein „Roter“, und in der SPD, daß er sicher kein „Schwarzer“ sei – und der braune Nazismus sei ja bekanntlich tot. Hatte ein alter und echter Nazi-Beamter in einer neuen Partei eine gewisse Geltung erlangt, so dauerte es gar nicht lange, daß sein zuständiger Minister von „maßgeblicher Seite“, beispielsweise von einem Abgeordneten, besonders auf die Wiedereinstellung jenes armen Geschädigten hingewiesen wurde, die alsdann auch beschleunigt unter wiederholten ministeriellen Rückfragen durchgeführt wurde. Schließlich wurden auch die ersten Pg., selbst Minister, wenn ich nicht irre, zuerst in der Landesregierung von Niedersachsen.

Hätte Hitler noch gelebt, er hätte sicher über kurz oder lang eine Spruchkammer oder ein Gericht gefunden, das ihn als Opfer eines Dämons und somit als „Mitläufer“ entlastet und ihm als „unterwertig Untergebrachten“ das Ausgleichsgeld für ein Staatsoberhaupt bewilligt hätte!

G. Bruchmann, Oberschulrat a. D., Münster i. W.