Von Peter Härtling

Der Lärm, den sie, eine Kamarilla von Worttrunkenen und Visionslüsternen, entfesselt hatten, war gewaltig, überdauerte einige Jahrzehnte und gehört heute zu den Lasten ihres ramponierten Nachruhms. Ihre Gefühle waren phantastisch und maßlos laut; sie meditierten brüllend über das Schweigen, sie randalierten angesichts des Todes. Sie gebärdeten sich tollkühn, gerüttelt von einer Angst, die sie vielfältig benannten, und zerschmetterten die Formen ihres Zeitalters. Da dies alles in übersteigertem Maße mit Ausdruck zu tun hat, nennt man sie Expressionisten.

Waren sie es wirklich, samt und sonders? – „Expressionisten“ – Ausdrucksfanatiker, Ausdrucksartisten? Haben sie nicht fast alle einem Thema gehuldigt, das sie ungleich mehr vereinte als die Lust zum erhitzten Ausdruck?

Gemeint ist das Thema: Stadt. Sie skandierten den Rhythmus der Städte, vor allem den der Weltstadt Berlin. Sie schufen, in Versen und Strophen, den Grund für die Legende der golden twenties. Eine Generation von Stadt-Poeten, von Urbanisten: aus Haltung, aus Sympathie. Sie entdeckten die wahre Landschaft der ersten Jahrhunderthälfte, das turbulente, tosende Stadtbild, sie besiedelten es mit ihren Lieblingsfiguren, mit Flaneuren, Mördern, Selbstmördern, mit Huren – und mit der immer hellen, von Reklamewettern durchzuckten Nacht.

Ihre Bastion war das Café. Ihr Weltschmerz war Stadtschmerz. Und wenn sie aus dem Tohuwabohu flohen, hinaus ins flache Land, überkam sie Heimweh: Sie dichteten nicht die Linden an, sondern sie erinnerten sich der Straßen, der Kanäle, der schütteren Chausseen.

Und sieht man sie so, die Expressionisten, als Urbanisten, als Dichter der Stadt, als die wahren, stolzen Asphaltliteraten, dann begreift man ihre Zwänge, Ängste und Visionen. Sie rochen die Zukunft, denn sie wurde in der Hauptstadt gebraut und bequatscht, in Berlin. Sie gingen mit der Politik um und werteten sie ab oder auf, je nach Bedarf, nach Stimmung. Sie saßen im Café, sie blickten auf die Welt. Die Untergänge trafen ein, und Was danach kam, waren in den meisten Fällen Fluchten.

In ihren Gedichten blieb die Stadt, gewiß nicht ihr Abbild, bisweilen ihr Zerrbild, sehr häufig ihr Inbild. Das macht den Traum aus, den diese Generation der unseren schenkte: Die Städte und die Städter sind uns verlorengegangen.