Rom, Ende September

Die zweite Sitzungsperiode des vatikanischen ökumenischen Konzils, die vom 29. September bis zum 4. Dezember dauern soll, wird nicht weniger lebhaft sein als die erste, die am 8. Dezember vorigen Jahres zu Ende ging. Sie wird nicht weniger heftige und freimütige Debatten bringen. Denn Papst Paul VI. garantiert nicht weniger als sein Vorgänger, Johannes XXIII., jenes Maß an Diskussionsfreiheit, das während der ersten Sitzungsperiode besonders die Beobachter der getrennten Kirchen so stark beeindruckt hat.

Es war gewiß wichtig, daß die Konzilsväter einander im vorigen Jahre kennenlernten und sich mit der „Maschinerie“ des Konzils vertraut machten. Jetzt soll die zweite Sitzungsperiode jedoch die konkreten Ergebnisse bringen. Die Kommissionen, die in der Zeitspanne zwischen der ersten und zweiten Sitzungsperiode arbeiteten, haben zehn Schemata völlig geändert. Es wird insgesamt 17 Entwürfe geben. Auf diese Zahl sind die 71 Schemata herabgedrückt worden, die dem Konzil im vorigen Jahr präsentiert wurden. Zwei sind noch nicht fertiggestellt: das Schema über die „Weltmission“ und das über „Die Öffentlichkeit der Arbeit der Kirche“. Sie sind der dritten Sitzungsperiode vorbehalten, deren Einberufung man im Frühjahr 1964 erwartet.

Als erstes Schema wird – auf Wunsch des Papstes – das über die Kirche behandelt. Der Grund dafür ist ökumenischer Natur. Denn dieses Thema ist der Hauptgegenstand des Konfessionsstreites: Die Orthodoxen sind gegen den Rechtsprimat des Papstes, die Protestanten besitzen zum Teil überhaupt keine Bischofsverfassung, und beide Konfessionen sind gegen den Begriff von der Unfehlbarkeit des Lehramtes in den verschiedenen Formen. Zum gleichen Schema gehört auch die Frage, wer Glied der Kirche sei; es gehört dazu die Frage nach der Stellung der Bischöfe und der Laien in der Kirche.

Die Reihenfolge der vom Konzil zu behandelnden Themen festzusetzen, obliegt dem Papst. Sein Vorgänger, Johannes XXIII., hatte dieses Recht dem Präsidium der Generalkongregationen übertragen. Paul VI. scheint in diesem Punkt anderen Sinnes zu sein. Zwar hat er immer wieder erklärt, er wolle der Linie seines Vorgängers folgen. Aber er kann dabei andere Wege einschlagen. Er hat bereits ein Viererdirektorium ernannt, bestehend aus den Kardinälen Döpfner (München), dem Belgier Suenens‚ dem Italiener Lercaro und dem armenischen Kurienkardinal Agagianian, – alles reformfreudige Kirchenfürsten. Dies deutet auf die Absicht einer energischen Führung des Konzils.

Die Aufgabe des seit der ersten Sitzungsperiode bestehenden Präsidiums scheint jetzt darauf beschränkt zu sein, zu gewährleisten, daß das Konzil in den richtigen Formen verläuft. Jene Prälaten, die im vergangenen Herbst gleichsam die Regierung des Konzils bildeten, sehen sich jetzt also in die Rolle eines „Verfassungsgerichtes“ versetzt.

Eine neue Note hat Paul VI. durch die Anordnung hinzugefügt, daß katholische Laien in stärkerem Maße zur Konzilsarbeit heranzuziehen seien. Früher durften bei Konzilien nur regierende Kirchenfürsten angehört werden. Heute aber setzt sich die Überzeugung durch, daß die katholische Kirche ihre Weltgeltung nur in der tätigen Anteilnahme der Gläubigen aller Stände wahren kann. Das ist durch die päpstliche Verfügung bestätigt worden.