Eigentlich hatte sich der Chef der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft, Rolf Spaethen, den Ablauf des achten Gewerkschaftstages der DAG anders vorgestellt. Rechtzeitig hatte er sich der Zusagen des Kanzlers, des Kanzlernachfolgers sowie des Kanzlerkandidaten der Opposition vergewissert, so daß alles aufs beste eingerichtet schien, um dem DAG-Kongreß eine mindestens so große Publizität zu geben wie ähnlichen Veranstaltungen des DGB. Aber dann kam alles anders. Der Kanzler war auf der Reise nach Rom, der Vizekanzler zu sehr mit den Vorbereitungen auf die Übernahme der Kanzlerschaft beschäftigt und der Kandidat der Opposition Willi Brandt konnte erst zwei Tage nach der Eröffnung des Kongresses in der Karlsruher Stadthalle erscheinen.

So mußte die DAG denn ausgerechnet mit Theodor Blank als Repräsentanten der Bundesregierung vorlieb nehmen, einem Mann, den sie ob seiner Reformpläne nicht besonders eng in ihr Herz geschlossen hat. Und weder seine Rede noch jene Ollenhauers noch die des Geschäftsführenden CDU-Vorsitzenden Dufhues waren ein Ersatz für das Ausbleiben der ersten politischen Garnitur, von der man sich einige Werbeeffekte versprach.

Werbung aber wird bei der DAG ganz groß geschrieben. Der Geschäftsbericht weiß von genau 45 915 Zeitungsberichten mit DAG-Erwähnungen seit 1961 zu berichten; er empfiehlt die „werbliche Umkleidung“ nackter Tatsachen und ist stolz auf die gehobene Reputation der DAG, sinnfällig gemacht durch eine Fülle von Gesprächen, die der Erste Vorsitzende mit Repräsentanten aller Gruppen und Institutionen führen konnte und bei deren Arrangement ein neues Gästehaus in Hamburg sowie ein eigenes Haus für die „Vertretung Bonn“ gute Dienste leisteten.

Allein „aus optischen Gründen“ auch firmiert der Hauptvorstand der DAG künftig als „Bundesvorstand“, der Gewerkschaftstag taufte sich um in „Bundeskongreß“ und auch aus optischen Gründen nur – sprich: des Fernsehens, des Funks und der Presse wegen – bestätigte man fahrplanmäßig noch am zweiten Tage des Kongresses den Ersten Vorsitzenden in.seinem Amt, obwohl die neue Satzung unprogrammgemäß erst zwei Tage darauf verabschiedet wurde.

Hatte man somit die Regierung gewählt, bevor die Verfassung unter Dach und Fach war, so hatte dieses Verfahren für Spaethen selbst auch seine Vorteile: er konnte bei den oft hitzigen Beratungen über eine neue Satzung mit der Autorität des Regierungschefs eingreifen, wovon er auch reichlich Gebrauch machte.

Nun, die Wiederwahl Spaethens hatte nie ernsthaft in Frage gestanden, wohl aber gab es während der Beratungen über die neue Satzung Augenblicke, in denen man daran zweifeln konnte, daß er. an das Ziel seiner Wünsche gelangen würde. Es kam ihm darauf an, 20 bisherige Vorstandsmitglieder auszahlten und gleichzeitig die Mannschaft der geschäftsführenden Vorstandsmitglieder von acht auf elf zu vergrößern. Das ist ihm gelungen. Nicht zuletzt, dadurch, daß Spaethen für die aus dem Vorstand ausscheidenden 20 Berufsgruppen-, Landesverbands- und Bundesjugendgruppenleiter in die neue Verfassung die Institution des „Beirats“ einbaute, ein Organ, dessen Anhörung und Mitwirkungsbefugnisse freilich nur ein Trostpflästerchen sein können für die verlorene Stimmberechtigung im Vorstand.

Bei künftigen Entschlüssen ist Spaethen also nun frei von dem Ballast der regionalen Wünsche und ebenso von dem der Berufsgruppen. Insbesondere das Ausscheiden der Berufsgruppenleiter hat der Kongreß nur widerstrebend hingenommen, symbolisieren die Berufsgrupper doch den berufsständischen Aufbau der DAG, in Gegensatz zu dem Branchenprinzip der Industriegewerkschaften. Aber die Versammlung ließ sich besänftigen durch Spaethens Hinweis, daß niemand daran denke, das Berufsgenossenschaftsprinzip einzuschränken oder gar zu opfern, käme das doch einem „ideologischen Selbstmord“ gleich.