Zum Jubiläum des Deutschen Sportabzeichens

Im September jährte sich, zum 50. Male der Tag, an dem 1913 im neuerbauten Deutschen. Stadion zu Berlin die ersten 22 Sportsleute das Deutsche Sportabzeichen in Bronze und Gold aus der Hand des damaligen Präsidenten des Deutschen Reichsausschusses für Olympische Spiele, Victor von Podbielski, erhielten. Diese „Auszeichnung für vielseitige Leistungen auf dem Gebiet der Leibesübungen“ war von Carl Diem, dem verstorbenen Rektor der Sporthochschule Köln, damals 1. Vorsitzender der Deutschen Sportbehörde für Athletik, bereits im September 1912 im Reichsausschuß beantragt worden. Die öffentliche Ausschreibung erfolgte – nachdem in langwierigen Verhandlungen mit den zuständigen Fachverbänden endlich die Leistungsanforderungen im einzelnen festgelegt worden waren – im „Stadion-Kalender für das Deutsche Reich“, dem „Amtlichen Organ des Deutschen Reichsausschusses für Olympische Spiele“, erst am 21. März 1913. Danach mußte der Bewerber „einem vom Deutschen Reichsausschuß anerkannten Verbände“ angehören, eine Bestimmung, die bis 1921 Gültigkeit besaß. Erst von diesem Zeitpunkt an konnte jeder, auch der sportlich nicht „organisierte“ Deutsche das Sportabzeichen erwerben.

In Schweden hatte schon 1907 der Stadtverordnete Emil Löfvenius aus Norrköping, Vorstandsmitglied des schwedischen Reichsverbandes für Leibesübungen, eine „Idrotts-Märke“, das ist ein Sportabzeichen für vielseitige Leistungen, gegründet, dessen Idee und dessen Bedingungen Diem in den Grundzügen übernahm. Auch das schwedische Abzeichen war, genau wie sein deutsches Gegenstück, ursprünglich nur für Männer gedacht („manliga idrottsmärke“) und wurde erst im Laufe der Jahre – genau wie später auch in Deutschland – auch für Frauen (1916), männliche Jugend (1919) und weibliche Jugend (1923) ausgeschrieben. Im damaligen Deutschen Reich wurde die Auszeichnung für Frauen 1921, für die männliche Jugend – nach schweren Kämpfen mit der Deutschen Turnerschaft, im Jahre 1925 (als „Reichsjugendabzeichen“) und für die weibliche Jugend 1928 eingeführt.

Die Turner waren dagegen

Als Diem 1912/13 daran ging, eine Auszeichnung für vielseitige sportliche (Durchschnitts-) Leistungen zu schaffen, war für sie ursprünglich der Name „Deutsches Turn- und Sportabzeichen“ vorgesehen. Diese Bezeichnung mußte dann aber fallen gelassen werden, da die Deutsche Turnerschaft (DT) ihre Mitarbeit versagte. Von Seiten des Deutschen Reichsausschusses für Olympische Spiele war die offizielle Benennung der Auszeichnung zunächst offen gelassen worden, um die Turnerschaft vielleicht doch noch zur Mitarbeit zu gewinnen. Deshalb finden wir in den Presseberichten von damals alle möglichen Phantasienamen, wie „Sportehrenzeichen“, „Sportorden“, „Ehrenzeichen für Leibesübungen“, ja sogar „Olympia-Medaille“.

Die Gründe für die Haltung der Turnerschaft war vor allem darin zu suchen, daß sie „Ehrenpreise“ außer dem Eichenkranz grundsätzlich ablehnte und daß nach ihrer Meinung die für das Abzeichen vorgesehenen Turnübungen „in keiner Weise genügten, um die Tätigkeit der Deutschen Turnerschaft klar zum Ausdruck zu bringen und als vollwertige turnerische Leistung gelten zu können“.

Der großherzoglich hessische Landesturninspektor Emanuel Schmuck aus Darmstadt, Vorsitzender des Turnausschusses der DT, „der immer mit besonderer Zähigkeit am Althergebrachten hing“ (Neuendorff) und der mit den eben zitierten Worten Stellung zum Sportabzeichen nahm, wartete auch gleich mit neuen Vorschlägen auf, die unter anderem vorsahen: „Gruppe 1 – Schwimmen über 300 m wird gestrichen“. Statt dessen wünschte er Turnübungen an Rede, Barren und Pferd sowie die herkömmlichen Freiübungen (!). Die uns heute völlig unverständliche Ausschaltung des Schwimmens begründete Schmuck, indem er – die Grundidee der Auszeichnung, die Prüfung der vielseitigen körperlichen Leistungsfähigkeit verkennend – den Spieß umdrehte und als Meinung seines Ausschusses verkündete, „daß ein Schwimmen über 300 m nicht als Ersatz für eine turnerische Leistung betrachtet werden“ könne. Und am 22. Mai 1913 mahnte der Erste Vorsitzende der Deutschen Turnerschaft, der Geheime Sanitätsrat Dr. Goetz, in einem langatmigen Satz in der Deutschen Turnzeitung höchstpersönlich: „Von Bewerbungen unserer Turner um das vom Reichsausschuß für die Olympischen Spiele gestiftete Ehrenzeichen bitte ich vorläufig unter allen Umständen abzusehen, da die Bedingungen, dasselbe zu erlangen, den turnerischen Forderungen nicht entsprechen und die grundsätzliche Frage über Berechtigung zur Annahme des Ehrenzeichens vom Deutschen Turn-Tage zu erledigen ist“.