Von Reinhard Baumgart

Einen spröderen Widerstand kann sich kein Kritiker wünschen als das Rätsel, das jedes erste Buch eines neuen, noch ungehörten Autors ihm stellt – oder: stellen sollte. Denn natürlich gibt es eine reiche Auswahl konventioneller Gesten, um sich auch dieses Rätsel sofort handlich zu machen, um das Neue patent in das Gehabte einzugliedern. Schon Worte wie "Erstling" oder "Debüt" verraten, welche betuliche Sentimentalität und Gönnerhaftigkeit da mitsprechen möchte. Werk und Autor, die solchen Parolen zum Opfer fallen, bekommen von vornherein zu wissen, daß sie ganz ernst noch nicht genommen werden, daß Rührung ihnen eine gewisse Vorgabe einräumt. Da werden dann "Einflüsse" notiert, doch rücksichtsvoll. Tolpatschigkeit wird gern nachgesehen, vermeintliche Frühreife übelgenommen. Auf seine Richtung und Temperatur hin wird sogenanntes Engagement überprüft – mit einem Wort: An allen Ecken und Kanten wird das Neue zurückgeschliffen auf die Maßstäbe des schon Bekannten. Am Ende ist ihm der Schaden genommen, den es anrichten könnte – die Freude allerdings auch.

Viele erste Bücher, die ohnehin nur alte Muster mühsam nachstricken, verdienen womöglich nicht mehr Rücksicht und Mühe. Andere, wenige aber verbieten sich dieses konventionelle Willkommen, mit dem sie trotzdem gern landauf, landab gefeiert oder bestraft werden. Zu diesem zählt das eben erschienene Buch eines gerade 23jährigen Autors.–

Denn dieser Roman ist tatsächlich eine Neuigkeit, der erste Blick zeigt es, der zweite kann es bestätigen. Allerdings mutet das, was da erzählt wird, wenn man es als "Fabel" notdürftig nachbuchstabiert, zunächst altbekannt an wie ein Skandal aus dem Haus der Atriden. Da sitzt wieder ein Junge, diesmal über den Wasserspiegel der Este gebeugt, und fragt, wer er sei, wer sein Vater. In norddeutschen Kleinstadtgassen und Dörfern, an zwei Tagen und in einer Nacht gedeiht eine Geschichte zur Katastrophe, die vor dreitausend Jahren genausogut auf einer griechischen Insel gewütet haben könnte wie eben noch in Faulkners Jefferson, Mississippi. Doch an der Este und in vierundzwanzig Stunden vollendet sich nur, was Jahrzehnte vorher im Schatten der schlesischen Gebirge begonnen hat, und unaufhörlich reißt die Erzählung diese Vergangenheit und Vorvergangenheit in den Lauf der Handlung hinein. Aus Schlesien nämlich kam Glonski, die Schlüssel-, nicht die Hauptfigur, ein Sägewerkbesitzer, aufgewachsen in einer Landarbeiterfamilie, früh gedemütigt wegen eines polnischen Vaters und seitdem von einem einzigen, energischen Wahn besessen: einen Sohn zu zeugen, "der sollte von so unantastbarer Geburt sein, daß es überhaupt fraglich wäre, ob ihn je eine Frau getragen, er nicht vielmehr einfach aufgetaucht sei, versehen mit all der Macht und Reinheit, die jemanden leben läßt, ohne daß er nach etwas gefragt wird".

Genau dieses pompöse Programm mißlingt, genau das stürzt Glonski und zwei seiner ebenso energisch in die Welt gesetzten wie dann verstoßenen Söhne in die Katastrophe, während ein dritter nun diese Geschichte bewegt hinter "seiner doofen, klugen Stirn" und schließlich aufzeichnet. Er bricht ab genau da, wo er endlich entdeckt, daß er beileibe nicht nur als Zuschauer, sondern als weiterer Glonski-Sohn mit in die Geschichte, in die Sippe und das Verhängnis gehört.

Man sieht, Faeckes Motive sind finster, weitläufig, bedeutungsvoll, sie weisen tief zurück auf Sagas und Mythen. Aktuell, im Sinne heute beliebter, kurzfristiger Aufregungen, sind sie nicht. Doch die alten Muster von Sippenschuld und Erlösungswahn, jetzt an die Este, ins dumpfe Milieu der Flüchtlinge, Bauern, Bundesbürger eingesponnen, lesen sich plötzlich wie neu. Glonski, der zwar einmal das Parteiabzeichen getragen hat, aber scheinbar doch nur ein sozusagen unpolitisches, im Eigeninteresse befangenes Leben fristet, Glonski, der Brandstifter und Ehebrecher, halbkrimineller Kleinunternehmer, Rassenfanatiker aus privatestem Bedürfnis, dieses Schauspiel reiner, vollkommen nihilistischer-Energie und Vitalität mit Namen Glonski stelle das Modell einer faschistischen Persönlichkeit – wenn man von einem solchen schwarzen Schimmel reden darf. Von seiner dumpfen, privaten Geschichte jedenfalls fällt dauernd Licht auf die öffentliche, und doch erzählt Faecke beileibe kein fade durchsichtiges Gleichnis. Aktualität und politische Analogie ergeben sich nirgends durch Berechnung. Das genaue Hinsehen auf Figuren und Handlung fördert sie zutage wie nebenbei.

Überhaupt, wie viele "Probleme" – um einmal mit der notwendigen Hilflosigkeit herkömmlicher Literaturwissenschaft zu reden – reißt dieser robuste Debütant wie absichtslos im Lauf seines Erzählens mit: Generationsproblem und Flüchtlingsfrage, Faschismus, Vaterwelt, das Böse, die Schuld, die Liebe – und wie alle diese traurig ungenauen, hochherzigen Etiketts heißen mögen. Faeckes Buch auf solche Fragen und Motive hin zu verzetteln, wäre genauso befriedigend und eitel, als wollte man ein Wiesenstück nach Linnéschem System durchnumerieren. Ihm wächst das alles unter der Hand zusammen. Seine Einsicht greift dabei unerklärlich hinaus über den Gesichtskreis seines Alters. Die zarte und doch penetrante Studie einer Jugendliebe möchte man einem solchen Autor noch zutrauen, auch vielleicht, daß er, der 1940 immerhin in Schlesien Geborene, als erster deutscher Erzähler Licht wirft auf jene gebrochenen Lebenskurven, die hinter den Schlagworten "Flüchtling" und "heimatvertrieben" nur pathetisch zu vermuten sind. Doch das Porträt Glonskis, des durch Enttäuschung kalt Hochgetriebenen, oder das ganz von innen her aufgezeichnete Bild einer seiner hinterlassenen Frauen – welche Erfahrung hilft einem 22jährigen, solche extremen menschlichen Lagen zu verstehen, ohne alle billig psychologische Handlangerei?