Von Georges-Louis Puech

Auf einem Berge, der, inmitten einer grauen Steinwüste das Meer überragt, stehen vor einem märchenhaft blauen Himmel die Reste eines Siegesdenkmals, der „Augustus-Trophäe“. Nur noch ein paar Mauern und Säulengänge sind erhalten, die sich, von Sonne überflutet, inmitten einer Gruppe von Zypressen und Pinien vom blauen Himmel abheben. Vor Zeiten konnte man hier folgende Inschrift in goldenen Lettern lesen: „Dem Cäsar, dem Sohn des göttlichen Cäsar Augustus, dem großen Pontifex, zum 14. Male zum Kaiser ausgerufen: der Senat und das römische Volk. Unter seiner Führung wurden alle Völker nördlich der Alpen dem Römischen Reich unterworfen.“

Am Fuße der Augustus-Trophäe oberhalb des Cap d’Ail an der Französischen Riviera ist inzwischen eine andere Art Denkmal errichtet worden. Es ist, ganz bescheiden zwischen Olivenhainen und Pinien, ein Lager aus Bungalows und Zelten. Franzosen und Deutsche wohnen dort.

Der Mann, der dieses Lager einrichtete, wahrhaftig ein Idealist, hatte gleich nach Kriegsende begriffen, daß die Verständigung zwischen Frankreich und Deutschland nottäte und am besten durch die Jugend verwirklicht werden könnte. Als im Jahre 1947 die ersten deutschen Studenten in Cap d’Ail eintrafen, gab es dort ein einziges Gebäude. Es enthält heute die Pförtnerwohnung und die Wäschekammern. Inzwischen wurden vier Hektar Land erworben und durch Straßen erschlossen, so daß das Lager heute wie ein kleines Dorf erscheint. Dabei sind die Bungalows aus Blech oder Aluminium, die ohne tiefe Fundamente auf den Boden gesetzt wurden, zwanglos um eine Villa gruppiert, in der die Verwaltungs- und Empfangsräume untergebracht sind. Die Einrichtung dieser modernen Hütten ist kahl, aber praktisch. Jedes Zimmer enthält zwei oder drei Betten und – welcher Luxus! – ein Waschbecken. Die ältesten Bungalows sind heute mehr als zehn Jahre alt und haben sich im Laufe der Zeit der Landschaft angeglichen. Sie haben den grauen Farbton des Felsens angenommen, sie verstecken sich hinter Blumen und Büschen. Der Gründer des Lagers hat nämlich Blumen hervorgezaubert in dieser Landschaft, die so öde ist, daß es von ihr heißt: „Es wächst hier nichts außer Steinen.“

„Für die Blumen opfere ich jedes Jahr 20 000 Mark. Ich selber beschäftige mich mit den Beeten und biete auf diese Weise den Jugendlichen das erholsame, geruhsame Bild eines Gärtners mit breitrandigem Strohhut.“

20 000 Mark sind viel Geld, aber im gesamten Haushalt von einer Million Mark machen sie nur zwei Prozent aus. Übrigens konnte bisher alles aus eigenen Mitteln finanziert werden.

„Wir müssen Schritt für Schritt vorgehen“, sagte der Lagerleiter. „In diesem Jahre zum Beispiel beginnen wir damit, in die massiven Häuser Zentralheizung zu legen. Dadurch wird es möglich sein, auch im Winter Gäste aufzunehmen, vielleicht sogar ganze Familien. Und wenn das Lager das ganze Jahr hindurch geöffnet bleibt, werden wir, wie ich hoffe, die Preise senken können. Zur Zeit kostet der Aufenthalt während der Hochsaison 16,50 täglich im Bungalow und 12,50 Mark im Zelt. Das ist natürlich nicht ganz billig.“