R. H., Berlin

Auf dem Kurfürstendamm, vor der prächtig wieder erstandenen seligen Zuntzwitwe, sitzt er auf einem Hocker und beobachtet munter die Schuhe der Vorübergehenden. Er trägt einen roten Filzzylinder mit blankem Messingschild. „Nr. 1. Selbständiger Schuh- und Kleiderreiniger“ steht darauf.

Er sieht zwar zufrieden aus, doch mit den Berlinern ist er ganz unzufrieden. „Was sind das für Leute“, so spricht er, „sie spucken kurz auf die Schuhe und das soll genügen. Dann sind sie geputzt. Aber so geht’s nicht weiter. Ich bau das auf, darauf können Sie sich verlassen.“

„Sie sind Nummer eins“, sagte ich, „wo sind denn die anderen?“

„Die gibt es noch nicht, das ist es eben. Auch das soll noch aufgebaut werden. Vorläufig ist auch der Rahmen des eigenen Betriebes noch nicht ausgefüllt. Der selbständige Kleiderreiniger gibt freimütig zu, daß er wohl mal einen Fleck wegmacht, aber sonst weiter nichts reinigen kann. Jedoch, man kann das alles noch ausbauen. Auch läßt sich die Gewohnheit besiegen, so sagt er, daß nur die Herren sich ihre Schuhe auf der Straße blank machen lassen. „Den Damen zieh’ ich sie aus“, sagt er, „dann bleiben die Strümpfe ganz sauber. Und eine Kundin hat nichts dagegen, falls ihre Strümpfe heil sind und ihre Füße sauber.“

Der Gründer sieht ganz getrost in die Zukunft, die schon begonnen hat mit einem Geschäft, für das nichts weiter gebraucht wird als ein Stuhl für den Kunden, ein Schemel für den Meister und ein Kasten mit Tüchern, Bürsten und Schuhcreme. „In Stettin war ich Anstreicher. Aber das ist vorbei. Da drüben kann man nicht leben. Hier schaff’ ich es schon, das werden Sie sehen. Und die Berliner, die werden sich daran gewöhnen, daß man sich die Schuhe putzen läßt. Ich bau das auf!“