Hakenkreuz und Sonnenbanner

Theo Sommer: Deutschland und Japan zwischen den Mächten 1935–1940. Vom Antikominternpakt zum Dreimächtepakt. Eine Studie zur diplomatischen Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs. Verlag J. C. B. Mohr, Tübingen; 540 S., Leinen 58,– DM.

Dieses Buch ist weit mehr als eine Studie aus der diplomatischen Staatengeschichte. Es ist ein grundlegendes Werk, das einen verhängnisvollen Abschnitt der deutschen und der japanischen Geschichte in den großen Zusammenhängen der Weltpolitik überzeugend darstellt. Der Verfasser schildert unter exakter Verwertung eines riesigen Quellenmaterials die deutschjapanischen Verhandlungen der Jahre 1935 bis 1940. Die Darstellung läßt die dramatische Wucht des Geschehens ebenso klar hervortreten wie die Persönlichkeiten der handelnden Akteure mit der ganzen Fülle ihrer Triebkräfte, Motive und Ziele. Sommer zeigt ihr Handeln im Spiel der äußeren und inneren Gegenkräfte, ihre Irrwege, Täuschungen und Selbsttäuschungen, ihre scheinbaren Erfolge, ihre Fehlschläge und ihr unentrinnbares Verderben.

Die ersten Fühlungnahmen Ribbentrops und seiner Gehilfen mit dem japanischen Militärattaché in Berlin, General Oshima, begannen Mitte 1935. Diese Kontakte führten gegen den ursprünglichen Widerstand der Außenministerien in Berlin und Tokio am 25. November 1936 zum Abschluß des Antikominternpaktes zwischen Deutschland und Japan. Am 6. November 1937 trat Italien dem Pakt bei.

Der Antikominternpakt War keine Frucht der offiziellen Diplomatie der beiden Länder. Die Initiative und der wesentlichste Teil der Verhandlungsführung lag bei Kräftegruppen, die sich teilweise in offenem Gegensatz zu den zuständigen Ministerien in der Diplomatie versuchten. In Berlin war es Ribbentrop, schon damals der außenpolitische Exponent Hitlers und der NSDAP, mit den diplomatischen Amateuren seines Büros, in Tokio der Generalstab des Heeres, der – wie vorher und nachher – der japanischen Regierung einen von ihr nicht gewünschten außenpolitischen Kurs aufzwang. Für Ribbentrops persönliches Machtstreben waren der Antikominternpakt und der spätere Beitritt Italiens wichtige Stufen seines Aufstiegs an die Spitze der deutschen Außenpolitik.

So zeigt sich schon am Anfang die unheilvolle Verflechtung der Kräfte, die für die nächsten Jahre bestimmend blieb: das Zusammenspiel des Nationalsozialismus mit den vorwärtsdrängenden Elementen des japanischen Nationalismus und des extremen Nipponismus, die in erster Linie vom japanischen Heer verkörpert wurden.

Der Antikominternpakt war der Ausgangspunkt der deutsch-japanischen Koalition. Hitlers unverrückbares Ziel war die territoriale Ausdehnung Deutschlands nach Osten. In Japan galt Rußland als der Erbfeind, der in erster Linie der japanischen Expansion in China entgegenstand. Die beiden Vertragspartner mußten jedoch feststellen, daß die antisowjetische Zielsetzung als Grundlage ihres Zusammenwirkens nicht genügte. Ihre Großraumpläne stießen auch auf den Widerstand Großbritanniens und der Vereinigten Staaten. Hitler und Ribbentrop bemühten sich daher schon in den Jahren 1938 und 1939, den ideologischen Antisowjetpakt in eine gegen die Westmächte gerichtete Allianz umzuwandeln. Diese Bemühungen führten jedoch nicht zum Ziel, obwohl die japanische Armee die Bündniswünsche Hitlers nachdrücklich unterstützte.

Die japanische Armee war damals in Japan noch nicht allmächtig. Es gab in der japanischen Staatsführung einflußreiche Gegenkräfte, die einen friedlichen Ausgleich mit England und Amerika erstrebten und daher ein gegen diese Mächte gerichtetes Bündnis ablehnten. Es waren dies die Kreise um den Thron, das Außenministerium, die Wirtschaft und – in jenen Jahren noch – die Marine.

Hakenkreuz und Sonnenbanner

Hitler, der insgeheim den Angriff auf Polen vorbereitete, zog die Konsequenzen nach seiner Art. Er suchte und fand die östliche Rückendeckung für diese Aggression nunmehr in Moskau. Die Verhandlungen mit Japan schwebten noch, als er im August 1939 ohne Rücksicht auf den Antikominternvertrag den Nichtangriffspakt mit der Sowjetunion abschloß. Dieser Schlag beendete die Verhandlungen mit Japan und stürzte das japanische Kabinett. Die Japaner fühlten sich schmählich hintergangen, zumal die japanische Armee vor kurzem noch an der mandschurischen Grenze in schwere Kämpfe mit sowjetischen Truppen verwickelt gewesen war. Die Beziehungen zu Deutschland vereisten.

Den Umschwung brachte erst der deutsche Sieg in Frankreich. Dieses Ereignis führte diejenigen Kräfte an die Macht, die das Bündnis mit der scheinbar siegreichen Achse erstrebten, wobei diesmal Armee und Marine zusammengingen. So entstand der Dreimächtepakt vom 27. September 1940, der seinem Sinne nach die Vereinigten Staaten vom Eingreifen in den europäischen oder den chinesischen Krieg abschrecken sollte.

Als Japan am 7. Dezember 1941 Pearl Harbour angriff und als vier Tage später Hitler den Vereinigten Staaten den Krieg erklärte, erschien dieses Vorgehen damals der Welt "als Ergebnis weitreichender Absprachen zwischen Deutschland und Japan, als Vollzug der Aggressionspläne jenes weltpolitischen Dreiecks Berlin–Rom–Tokio, einer verschworenen Aktionsgemeinschaft dreier Völker, die alle von demselben hemmungslosen Expansionsdrang besessen wären". Der amerikanische Außenminister Cordell Hull entwarf nach dem Kriege das düstere Bild einer deutsch-japanischen Verschwörung zur Aufrichtung einer gemeinsamen Weltherrschaft, bei der "jeder erdenkliche Schritt besprochen und ihr Vorgehen bis ins Detail aufeinander abgestimmt wurde".

Der Nachweis dieser Auffassung ist schon bei den Prozessen in Nürnberg und Tokio mißlungen. Der Verfasser hat sie widerlegt. Er führt den schlüssigen Beweis, daß die deutsch-japanische Allianz stets ein Bündnis ohne Rückgrat und ohne Wirkung war. "Was es gab, war eine bedingte und vorübergehende Kongruenz der Interessen und Ziele in wenigen spezifischer Fällen." Sonst jedoch "gab es zu keiner Zeit eine gemeinschaftliche deutsch-japanische Politik. Das Verhältnis der Bündnispartner wat vielmehr bestimmt von endlosen Reibereien, gegenseitigem Mißtrauen und ausgesprochener. Treuebrüchen".

Japan handelte gegen den Sinn des Antikominternpakts, als es im Juli 1937 China angriff. Dadurch schwächte es seine Stellung gegenüber den Sowjets und trieb das Nationale China an die Seite des Kommunismus. Der Nichtangriffspakt Hitlers mit Stalin war eine Verletzung von Text und Geist des Antikominternvertrages. Nach dem Abschluß des Dreimächtepaktes bemühte sich Japan auf deutschen Wunsch um einen Ausgleich mit der Sowjetunion. Es war geradezu eine der Geschäftsgrundlagen des Dreierbündnisses, daß Deutschland für diesen Ausgleich seinen ganzen Einfluß in Moskau einsetzen sollte. Statt dessen faßte Hitler den Entschluß zum Krieg gegen die Sowjets, ohne Japan zu verständigen.

Als der japanische Außenminister Matsuoka im März und April 1941 Berlin besuchte, wurde ihm dort mitgeteilt, daß ein deutsch-russischer Konflikt im Bereich des Möglichen liege. Diese Kenntnis nutzte er aus, um auf der Heimreise in Moskau ohne Unterrichtung des deutschen Verbündeten mit den Sowjets auf fünf Jahre einen Neutralitätsvertrag abzuschließen.

Im Juni 1941 griff Hitler die Sowjets an, ohne Japan vorher zu konsultieren. Ribbentrop verlangte von den Japanern, sie sollten sich diesem Vorgehen anschließen, was sie wohlweislich nicht taten. Matsuoka allerdings begünstigte diese Wünsche Ribbentrops, obwohl er doch, selbst soeben den Neutralitätsvertrag mit den Sowjets abgeschlossen hatte. Er wurde daraufhin von seinen politischen Gegnern gestürzt.

Hakenkreuz und Sonnenbanner

Fast das ganze Jahr 1941 trieben die Japaner ein ränkevolles Doppelspiel. Sie verhandelten hinter dem Rücken ihrer Verbündeten mit Washington über eine japanisch-amerikanische Verständigung. Sie waren dabei stets bereit, den Dreimächtepakt zwar nicht formell zu kündigen, ihn jedoch praktisch ungültig zu machen, falls die Vereinigten Staaten Japan in Ostasien Entgegenkommen zeigten. Erst als dies ausblieb, entschlossen sie sich im November 1941 zum Kriege und überfielen Pearl Harbour, ohne die Achsenmächte vorher irgendwie zu unterrichten. So zog der Dreierpakt die Partner Japans in den Krieg gegen Amerika, den er doch gerade verhindern sollte.

Die Wirkungslosigkeit der Allianz liegt offen zu Tage. Sie hat keines ihrer Ziele erreicht. Sie sollte andere Mächte, namentlich die Vereinigten Staaten, einschüchtern, abschrecken, aus dem Kriege heraushalten. Sie hat das Gegenteil bewirkt. Amerika stellte sich mit doppelter Energie hinter England und China und opferte keinen seiner Grundsätze. Das Britische Reich setzte trotz des Dreimächtepakts den Kampf unerschüttert fort. Tschiang Kai-schek ließ sich nicht zum Friedensschluß mit Japan bewegen. Das vorübergehend verfolgte Konzept eines Viermächteblocks zwischen den Dreiermächten und der Sowjetunion"the worst of our fears", wie Churchill sagte – erwies sich rasch als ein totgeborenes Projekt.

Aus der schicksalhaften Verkettung von Lug und Trug, aus der unwirklichen und deklamatorischen Scheinwelt des Dreierpaktes zieht Sommer eine große Lehre: Jede totalitäre Diplomatie ist wesensmäßig unfähig und unfruchtbar. Er spricht dabei von jener Diplomatie der Propaganda nach innen und nach außen, wie sie früher von den Dreiermächten betrieben wurde und heute mit Vorliebe von den Regierungen des Ostblocks geführt wird. Zu den hervorstechendsten Zügen totalitärer Diplomatie rechnet er ihre Unfähigkeit, überhaupt Kompromisse zu schließen. "Sie geht immer aufs Ganze und versteht unter Ausgleich die Kapitulation des Gegners. Der liberale Begriff der Kooperation, des Zusammenwirkens durch beiderseitiges Nachgeben ist ihr fremd. Diese Kömpromißunfähigkeit war den Nationalsozialisten wie den Nipponisten eigen – und in so hohem Maße, daß sie am Ende in eine wesensbedingte Allianzunfähigkeit umschlug, die ein Zugeständnis an den Verbündeten ebenso ausschloß wie an den Gegner. Daran ist das Bündnis zwischen Hakenkreuz und Sonnenbanner letztlich zugrunde gegangen."

H. U. von Marchtaler