Als in der ZEIT Nr. 35 vom 30. August 1963 unter der Überschrift „Konzernbauer am Werk“ über den Geschäftsbericht der zum Hugo-Stinnes-Bereich gehörenden Atlas-Werke AG, Bremen, berichtet wurde, ahnte die Öffentlichkeit noch nicht, wie schnell ein wesentlicher Teil des von Hugo Stinnes in den letzten Jahren zusammengefügten Konzernwerkes seinen Besitzer wechseln würde. Daß in der Firma „Hugo Stinnes Persönlich GmbH“ (so nannte Hugo Stinnes eine seiner wichtigsten Firmen, um sich von den Unternehmen seiner Mutter und seines Bruders Otto sowie von der sogenannten Stinnes-Gruppe, der Hugo Stinnes AG, Mülheim, gebührend zu unterscheiden) einige Unstimmigkeiten vorhanden sein mußten, war auf der Hauptversammlung der Atlas-Werke allerdings kaum mehr zu verbergen. Aus der Bremer Gesellschaft, an der sich Stinnes zu fast 90 % beteiligte, waren nämlich das Vorstandsmitglied Erich Gramann ausgeschieden, dem Aufsichtsrat gehörten plötzlich Sigurd Behrens (Direktor der Bremer Bank – so firmiert dort die Dresdner Bank), Hermann Helms (Vorstandsmitglied der Deutschen Dampfschiffahrts-Gesellschaft Hansa) und Karl Lindemann (Aufsichtsratsvorsitzender der Norddeutschen Kreditbank) nicht mehr an. Die Dresdner Bank hatte ihre Stellung als Hausbank bei dem Bremer Unternehmen aufgegeben. Da alle Beteiligten strengstes Stillschweigen bewahrten, drangen nur wenige Informationen über den offenbar stattgefundenen Hauskrach an die Öffentlichkeit.

Der nächste Akt spielte sich dann jedoch auf offener Bühne ab. Hugo Stinnes trennte sich von seinen ölbeteiligungen, also von der „Touring-Tankstellen GmbH“, in deren Besitz sich 75 % der Neußer Tanklager GmbH und 50 % der Hanauer Tanklager GmbH sowie drei Binnenschiffe befanden. Käufer war die Agip AG, eine Tochtergesellschaft des italienischen Erdölkonzerns ENI. Man nannte einen nicht dementierten Kaufpreis von rund 25 Mill. DM.

Immerhin war mit dieser Transaktion sichtbar geworden, daß sich „Hugo Stinnes Persönlich“ in finanzieller Bedrängnis befunden haben mußte. Allerdings konnte man annehmen, daß diese 25 Millionen das Konzernschiff wieder flottgemacht hatten. Aber dem war keineswegs so. Denn die Konzernamputation begann eigentlich erst. In der vergangenen Woche hat nämlich ein Schweizer Konsortium, unter Führung der Bank Ehingen oHG, Basel, von Hugos Stinnes den größten Teil seiner industriellen Beteiligungen erworben, der sich damit praktisch auf seine Handelsfirmen zurückzieht. Ausdrücklich spricht die Investitions- und Handelsbank AG, Frankfurt am Main, die als Hausbank von Stinnes an dieser Transaktion mitgewirkt hat, davon, daß die verkauften Firmen in guter finanzieller Position sind und über einen erheblichen Auftragsbestand verfügen.

Dem wird wohl auch niemand widersprechen wollen. Denn nicht die Konzerntöchter waren es, die Stinnes zum Verkauf zwangen, sondern offensichtlich sein Expansionsdrang, dem schließlich der erforderliche finanzielle Unterbau fehlte. Der rasche Aufbau seines Konzerns ist für Außenstehende nur schwer zu übersehen. Sicher aber dürfte sein, daß Stinnes für den Erwerb seiner Beteiligungen in erheblichen Maße auf kurzfristige Kredite zurückgegriffen hat. Oftmals wurden auch die Kreditlinien der Töchter bis an die Grenze des Möglichen beansprucht. Dieses System hielt, bis die erste kritische Situation eintrat. Das war bei der Süd-Atlas-Werke GmbH, München, einer Tochtergesellschaft der Atlas-Werke in Bremen, der Fall. Hier tauchte ein Millionenrisiko auf, das die mit den Atlas-Werken zusammenarbeitenden Banken hellhörig machte, zumal man in der Konzerngesellschaft, die mit den Atlas-Werken einen Organschaftsvertrag hat, nicht genügend Sicherheiten zu finden glaubte.

Die nach dem Ausscheiden der Dresdner Bank bei den Atlas-Werken in die Bresche gesprungene Investitions- und Handels-Bank sowie die Bank für Gemeinwirtschaft sahen sich plötzlich einem. Kreditengagement gegenüber, das zumindest bei der Investitions- und Handels-Bank eine Höhe erreichte, die nach gesunden bankmäßigen Grundsätzen eine Herabsetzung wünschenswert machte, wenn von einer vernünftigen Kreditstreuung noch die Rede sein sollte. Finanzmakler Münemann, Großaktionär der Investitions- und Handels-Bank, hat dann hier seinem Ruf, ein hervorragender Finanzjongleur zu sein, alle Ehre gemacht. In relativ kurzer Zeit fand er einen Interessenten für die Stinnes-Beteiligungen. Nach bisher unbestätigten Versionen ist an der eidgenössischen Käufergruppe auch die Maschinenfabrik Oerlikon Bührle beteiligt, die zu den größten europäischen Waffenherstellern gehört.

Oerlikon könnte vor allem an den Atlas-Werken Interesse haben, deren Aktien zu 51 Prozent auf das Schweizer Konsortium übergegangen sind. Im Beteiligungsportefeuille der Bremer Gesellschaft liegt nämlich die MaK Maschinenbau Kiel GmbH, ein Unternehmen, das berechtigte Aussicht auf Rüstungsaufträge von über 100 Mill. DM hat.

Für die freien Aktionäre der Atlas-Werke, die noch rund 2 Mill. DM des 20 Mill. DM betragenden Aktienkapitals in Händen haben, ist nach dem Wechsel des Großaktionärs eine völlig neue Situation entstanden. Der Organschaftsvertrag der Gesellschaft mit der Hugo Stinnes Industrie und Handel GmbH sah eine sechsprozentige Dividendengarantie für die freien Aktionäre vor. Gezahlt wurden in den letzten Jahren stets 8 %. Der Großaktionär hat demgegenüber erheblich höhere Beträge aus der Gesellschaft herausgezogen. Der Organschaftsvertrag, der grundsätzlich bis zum 1. Januar 1966 läuft, ist kündbar, wenn die Hugo Stinnes Industrie und Handel GmbH nicht mehr mindestens die Hälfte der Aktien der Atlas-Werke besitzt und/oder wenn in dem Vermögen einer der beiden Firmen eine derartige Veränderung eintritt, daß der anderen Firma die Aufrechterhaltung des Vertrages wirtschaftlich nicht mehr zugemutet werden kann. Gründe zur Kündigung sind also vorhanden. Welchen Weg der neue Großaktionär einzuschlagen gedenkt, ist noch nicht abzusehen. Die freien Aktionäre scheinen jedoch recht zuversichtlich zu sein, denn der Kurs der Aktien der Atlas-Werke zog nach Bekanntwerden der Transaktion auf 300 % an.

Für die Hugo Stinnes Industrie und Handel GmbH sind aber noch nicht alle Sorgen ad acta gelegt. Bedroht wird die Firma von einem ärgerlichen Prozeßrisiko. Die Notgemeinschaft Deutscher Bergbau, ein Zusammenschluß westdeutscher Zechengesellschaften, will von Stinnes 18,5 Mill. DM zurückerstattet haben, die er nach Angaben der Zechengesellschaften zu Unrecht von ihr im Rahmen der sogenannten Ablösungsaktion bezogen haben soll. Auf dem Höhepunkt der Kohlenkrise, im Jahre 1959, gab die Bundesregierung dem westdeutschen Bergbau insofern Hilfestellung, als sie die Importkohle mit einem Sonderzoll belegte. Der westdeutsche Bergbau erklärte sich damals bereit, für annullierte Importverträge, die vor dem 31. Dezember abgeschlossen waren, Ablösungsbeträge zu zahlen. Stinnes kassierte seinerzeit erhebliche Beträge, doch später stellte sich – wie die Zechengesellschaften behaupten – heraus, daß die Stinnes-Verträge in zahlreichen Fällen deshalb zweifelhaft waren, weil ihnen eine echte Abnahmeverpflichtung nicht gegenüberstand. Einige erst im Frühjahr 1959 abgeschlossene Verträge sollen sogar rückdatiert worden sein. Dieser Komplex ist Gegenstand eines Prozesses, dessen Ausgang – wie bei jedem Rechtsstreit – ungewiß ist. Der vorsichtige Kaufmann wird aber für ein solches Risiko zumindest Rückstellungen machen. Man kann Hugo Stinnes und seinen Hausbanken nur wünschen, daß von der jüngsten Transaktion, die von der deutschen Wirtschaft einen schweren Schlag abgewendet hat, dafür noch Mittel übrig geblieben sind. K. W.