Th. K., Washington im September

Eine ständige „Initiativ-Bereitschaft“ wird von Washington und Bonn gemeinsam für das Gebot der Stunde gehalten. Dieses Ergebnis hatte ein Gespräch des Bundesaußenministers mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten am Dienstag Vormittag im Weißen Haus. Das Wort Initiativ-Bereitschaft weist in diesem Zusammenhang auf die grundsätzliche Zustimmung des deutschen Außenministers zu den gegenwärtigen Erkundungs- und Entspannungsversuchen der Kennedy-Regierung hin. Dr. Schröder sah Kennedy umdieselbe Stunde, als im Senat die Entscheidung zugunsten des Testbann-Vertrages fiel.

Es wurden Fragen der beiderseitigen Konsulation erörtert. Hierbei dürfte der deutsche Wunsch nach rechtzeitiger und voller Unterrichtung bei allen Schritten, die die deutsche Frage berühren, im Vordergrund gestanden haben. Es wird angenommen, daß Schröder Kennedy zu verstehen gab, wie sehr es im deutschen Interesse liegt, daß die von den beiden Atomgroßmächten gewünschte Absicherung auf Gegenseitigkeit nicht den Status quo in Mitteleuropa verewigt. Eine Nicht-Angriffs-Vereinbarung zwischen NATO und Warschauer Pakt kann nach Auffassung des deutschen Außenministers nur der Schlußstein, nicht der Anfang einer Entspannungsrunde sein. Hierüber gibt es in Washington und besonders im Weißen Haus andere Vorstellungen.

Kennedy und Schröder stimmen darin überein, daß die Verminderung der Ost-West-Spannung an der Peripherie beginnen sollte, weil zentrale Punkte der Auseinandersetzung, wie Berlin und Kuba, nicht direkt angegangen werden, können. Es entspringt einem ähnlichen Denken, wenn der Präsident eine deutsche Ostpolitik ausdrücklich lobte, die zunächst im wirtschaftlichen Bereich diplomatische Annäherungen ermöglicht.

Der wichtigste konkrete Gesprächsgegenstand in der Unterredung zwischen Kennedy und Schröder ist die multilaterale Atomstreitmacht gewesen. Es soll versucht werden, die Engländer sobald wie möglich dafür zu gewinnen, weil sowohl Washington als auch Bonn es für ungut halten, wenn den Amerikanern für dieses militärische Projekt nur deutsche Assistenz zur Verfügung stünde.