Der Baseler Arzt Dr. Theo Bovet, der, wie es heißt, in gleichgeschlechtlicher Erotik ebenso wenig eine Sünde sieht wie in vor- oder außerehelicher Liebe, hält seinen Widersachern die Statistik entgegen. Die Widersacher sind protestantische Pfarrer; er selber, der Dr. Bovet, ist Leiter der kirchlichen Eheberatungsstelle in Basel. Und seine Statistik sagt, daß in Zürich „mehr als 50 Prozent aller erstgeborenen Kinder vorehelich gezeugt werden und daß 80 Prozent aller Ehepaare voreheliche intime Beziehungen pflegten“.

Wenn dies am grünen Holz in Zürich geschieht, dann darf man wohl annehmen, daß die Verhältnisse sowohl in Basel-Stadt als auch in Basel-Land als auch im Gebiet vom „Hafen beider Basel“ nicht anders liegen. Jedenfalls haben zwei Pfarrer dieser Basel-Städte – der eine namens Küster, der andere namens Kunz – dagegen protestiert, daß Dr. Bovet auf dem deutschschweizerischen evangelischen Kirchentag, der Anfang Oktober stattfindet, über das Thema „Ehe und Ehelosigkeit“ ein Referat halten soll. Da aber die Schweizer als alte Demokraten in puncto Redefreiheit sehr empfindlich sind, ist (wie man einer dpa-Meldung entnimmt) ein wilder Streit entstanden. Schon steht ein starker weltlicher Bovetisten-Flügel den kirchlichen Anti-Bovetisten entgegen, die das Gefühl haben, in dem christlichen Eheberater Bovet eine Natter am Busen genährt zu haben. Uns aber interssiert besonders die Statistik.

Ob in Basel, Zürich, ob in Hamburg, München oder Berlin – überall besitzt man Statistiken der intimsten Sachen, und vor allem: man glaubt an sie. Was beispielsweise die vorehelichen Übungen der Züricher betrifft, so mag’s noch hingehen mit den Berechnungen, soweit sie den 50prozentig verfrühten Kindersegen betreffen. Denn anläßlich der Ankunft etwelcher Erdenbürger bis neun zu zählen, ist eine so gewaltige intellektuelle Leistung nicht, selbst wenn es sich bei den Zahlen nicht um Moneten, sondern um Monate handelt. Aber wie kommen die Statistiker auf die runde Summe von „80 Prozent vorehelicher intimer Beziehungen“? Ist es denn wirklich Usus, daß ein Pärlein hinterher zum Amt für Statistik geht?

Der Beamte macht den Schalter auf: „Bitte sehr?“ – „Ja, wir kommen bloß, um zu melden, daß wir soeben ...“ Der Beamte schlägt die Mappe „Intimbeziehungen“ auf und schreibt eine Zahl hinein. Vielleicht macht er auch bloß ein Kreuzchen oder hakt den Namen an. „Danke sehr“, sagt er freundlich, „und nicht vergessen, beim nächsten Mal freundlichst wieder vorbeizukommen.“ Und der Beamte schließt recht froh sein statistisches Büro.

Ist das so? Wirklich so? Oder geht man nach der Methode des amerikanischen Professors Kinsey vor, der es ganz genau wissen wollte? Werden Vertreter herumgeschickt, die wie Agenten von Staubsaugern an die Wohnungstüren klopfen und an die Hausfrauen oder ihre Töchter oder ihre Hausmädchen, die sich die Hände trocknen, weil sie gerade beim Geschirrspülen überrascht werden, die tollsten Fragen stellen? Zwei Möglichkeiten: Entweder der Fragemann fliegt ’raus, oder es wird ihm die Hucke vollgelogen. Aber wie in diesen beiden Fällen die Prozentzahlen aussehen, darüber erfährt man leider kein Sterbenswort, obwohl es scheint, daß per Saldo mehr gelogen als herumgeschmissen wird, denn nicht umsonst sind wohl die Intim-Statistiken so voluminös. Bände sprechen sie, Bände! Bloß – wer will ihnen glauben?

Gern soll Dr. Bovet gegen Müller oder Meier, Schmidt oder Schulze, Kuster oder Kunz verteidigt werden, wenn er denn unbedingt über die vor-, inner- und nacheheliche Liebe sprechen will, seien es sündige oder sündenlose Intimitäten wechsel- oder gleichgeschlechtlicher Art. Aber die Statistik kann ihm dabei schlecht als Schutzschild oder Feigenblatt dienen. War’s nicht Disraeli, der das Wort „Lüge“ folgendermaßen steigerte: „Die Lüge ... die verdammte Lüge... die Statistik“?