Kaffeekränzchen – wie romantisch! Alte reizende Damen, die sich seit Jahrzehnten kennen und lieben und Emmchen und Söphchen zueinander sagen. Ovaler Mahagonitisch und wehende Tüllgardinen und köstlicher Kaffee in Meißner Tassen. Daß es das noch gibt! Ja, den Kaffeeklatsch gibt es noch. Als oft benutztes Lehnwort im Amerikanischen (Plural: kaffeeklatsches) und als nachmittäglichen Treffpunkt in Deutschland. Die Statistik hat es bewiesen: Die Hälfte aller Hausfrauen trifft sich einmal im Monat, ein Drittel sogar regelmäßig einmal in der Woche zum gemeinsamen Kaffeetrinken. Die Statistik sagt freilich nichts über das Wie. Die Damen trinken vielleicht Tee statt Kaffee. Verruchte mögen, den Kaffee auch nur als Vorstufe zum Cointreau oder Whisky Soda in Kauf nehmen. Und nicht jede Dame erscheint freiwillig am antiken oder teakenen Kaffeetisch: In vielen Reihenhaussiedlungen geht – streng nach Reihenhauszeilen getrennt – der Kaffeeklatsch jeden Nachmittag reihum. Wehe, wer sich auszuschließen wagt.

Nichts ändert sich. Die Männer sagen heute wie damals: „Sorg nur dafür, daß die Weiber aus dem Haus sind, wenn ich heimkomme“, und die Hauptgesprächsthemen beim Kaffeeklatsch sind – laut Befragung – Krankheiten und Kleider. Man sagt, die Frauen seien selbständiger geworden. Aber im Kindergetümmel, fern am Stadtrand, in der täglichen Schlacht um den Groschen und das Prestige haben sie nicht viel Verwendung für Absträkta wie Emanzipation und Modernität. Ihre Welt ist so eng wie je, und wenn ihr Blick ins Weite schweift, endet er an der Mattscheibe des Fernsehapparats: Das Fernsehprogramm ist Gesprächsthema Nr. 3.

Nr. 4: Kindererziehung. Im Hinblick auf die Zukunft hofft man heftig, daß die Aufeinanderfolge beider Themen Zufall ist.

Enge Zusammenhänge bestehen jedoch zwischen Alter und Kaffeegesprächsthema. Bei den über 45jährigen halten Krankheitsgeschichten die absolute Spitze. Danach ist 10 Prozent lang Pause, und dann folgt erst das zweite Thema: Blumenpflege. Die Kinder sind eben aus dem Haus, und man hat wieder Ruhe. Auch Geranien und das Fernsehen (3. Thema), Reisen, Kleider, Kindererziehung, günstige Einkaufsmöglichkeiten, Kochrezepte (in dieser Reihenfolge) werden wichtiger genommen als Männer. Sie stehen – als Gesprächsthema – auf einer Ebene mit der Fußbodenpflege, knapp vor den Haustieren.

Das Gefühl: „Wenn man erst mal einen hat, braucht man sich nicht mehr zu kümmern“, haben die Älteren offenbar an die jüngere Generation weitergegeben. Auch bei den Damen unter 45 kommen zuerst Kleider und dann das Fernsehprogramm und dann erst die Männer. Oder ist es eine schöne Scheu vor dem scharfen Blick der Nachbarin und der Demoskopen?

Romane, Politik und neue Filme stehen bei alt und jung ganz am Ende der Themenliste. Wenn man nicht einmal mehr etwas über Putzmittel und Küchenmaschinen zu sagen weiß, redet man gescheit.

Selbst am Kaffeetisch erweist sich’s, was für ein Volk von Konsumenten wir geworden sind: Blumen, Kinder, Kleider, Reisen, Fußböden, Waschmaschinen, Küchenmaschinen – eine interessante, beruhigende Liste für alle, die Blumensamen und Kindersachen, Haushaltgeräte und Maschinen verkaufen. Eine unwirkliche Liste für alle, die sich als (Haus-)Frau kennen. Spricht denn wirklich kein einziger, nicht einmal nullkommanullein Prozent aller Kaffeetrinkerinnen mehr über andere Leute? Sind meine Freundin Hannelore und ich die letzten, die sich bei einer Tasse schwachem („Bei mir kriegst du nur Blümchen! Du fällst ja eines Tages tot um, wenn du immer solche Tinte trinkst!“) Schwarzen gegenseitig pausenlos Geschichten von Flirts, Feinden und gemeinsamen Bekannten erzählen, was Phantasiekarge mit „durchhecheln“ bezeichnen?