Von Reinhold Dey

Mit einer Mischung aus Verlegerfreude und Menschenfreundlichkeit lächelt Magister Reenpää bei den Namen Stratz und Courths-Mahler hinter seiner engrandigen Brille. „Mit deren Überschüssen konnten wir damals so manches Experiment finanzieren. Der Otava-Verlag arbeitet zwar all-round, wie die meisten in Finnland, aber wir können wirklich nicht all; Gewinne aus dem Schulbuchgeschäft für unsere zahlreichen Übersetzungen aufs Spiel setzen. Und wir wollen übersetzen, Literatur anderer Volke: ist für uns Finnen das offene Fenster zur Welt 1960 brachten wir genau 526 neue Titel mit 3,5 Millionen Exemplaren und über 797 Millionen Seiten.“

Das finnische Fenster war bis 1944 weit nach Deutschland hin geöffnet. In seinen wissenschaftlichen und kulturellen Auslandsbeziehungen war das Land bis fast zur Jahrhundertmitte eine An archaischer Wurmfortsatz des Bismarck-Reiches Das kann den Deutschen zwar schmeicheln, beweist aber auch den Nachteil einseitiger Orientierung: 1944 schlug das Pendel um, und die Jugend stürzte sich fortan auf das Neueste aus der englischen Welt diesseits und jenseits des Ozeans, Dadurch bekamen deutsche Bildung und deutsche Literatur einen wunderlichen Akzent: das Generationenproblem. Deutsche Bücher gelten bei den Jüngeren zuweilen schon deswegen als öde, weil sie von den Älteren gelesen werden.

Heute jedoch lernt von 200 000 Schülern nur noch eine Hälfte Englisch, die andere wieder (im Siebenjahrespensum) Deutsch. Da müßte doch die deutsche Literatur selbst im Original eine gute Chance haben.

„Hat sie auch“, wird in Finnlands zweitgrößter Buchhandlung, der Suomaleinen Kirjakauppa bestätigt, „jedenfalls die wissenschaftliche. Aber Belletristik? Was sollen wir jungen Leuten mit gutem Gewissen anbieten? Immer nur Erich Kästner und Manfred Gregor? Wir Finnen haben Freude an fließender Erzählung. Woanders mag man es primitiv nennen, aber nach unserer Ansicht ist das Philosophieren Sache der Philosophen. Ein Romancier, der zu hoch fliegt und zu tief taucht, segelt unter falscher Flagge. Darum bleibt auf Jüngers ‚Marmorklippen‘ jeder finnische Sortimenter sitzen.“