KARLSRUHE (Badischer Kunsfverein):

„Beckmann“

Vor einem Jahr hatte Klaus Gallwitz in Karlsruhe zum erstenmal das gesamte graphische Oeuvre von Max Beckmann ausgestellt. Thema der zweiten großen Beckmann-Schau ist „Das Porträt“. Über 50 Gemälde und etwa ebenso viele Zeichnungen und Vorstudien. Aus amerikanischem Besitz Bilder, die in Deutschland noch nicht gezeigt wurden, und Arbeiten aus europäischen Museen und Sammlungen. Viele Selbstbildnisse, das früheste von 1898, das letzte aus dem Todesjahr 1950, es gibt keinen Maler in unserem Jahrhundert, der sich so oft dargestellt hat, in allen Lebensstadien, in den verschiedensten Situationen und Maskierungen, mit rotem Schal, im Smoking, mit dem Sektglas, mit der Zigarette, mit der Glaskugel, mit dem Fisch – und das als ein Maler, dem Intimitäten, Selbstbekenntnisse, exhibitionistische Neigungen suspekt sind, der sich selbst ebenso gelassen, kühl und distanziert betrachtet wie jedes andere, jedes beliebige Gegenüber, irgendeine Zufallsbekanntschaft in der französischen Eisenbahn (das „Bildnis eines Franzosen“). Unter den Porträts gibt es kaum – wenn man allenfalls von Rudolf Binding absieht, den er 1934 gemalt hat – berühmte Zeitgenossen, Staatsmänner, Künstler, Gelehrte. Er hat keine Repräsentationsbilder gemalt. Und erst recht keine Seelen-Porträts, von „Einfühlung“ in die fremde Psyche kann nicht die Rede sein. Beckmann interessiert sich nicht für Psychologie und psychologische Wahrheit. Ihm genügt die Faktizität der Erscheinung, der Physiognomie, die er hart macht, in strenge Konturen faßt, in eine unerbittliche und definitive Form zwingt. Kein expressiver Überschwang, keine kubistische oder wie immer geartete Deformierung. Sondern Sachlichkeit, gelassene Skepsis, Gleichmut. Der Unterschied zu Stilleben und Landschaft ist nicht sehr erheblich. Die künstlerische Haltung die geistige Haltung, die Überlegenheit bleiben konstant. Beckmanns Werk wird, lange nach seinem Tode, von Jahr zu Jahr wichtiger. Die Karlsruher Ausstellung dauert bis zum 17. November.

HAMBURG (Museum für Kunst und Gewerbe):

„Die Wilden Leute des Mittelalters“

Während in Hamburg die Internationale Gartenbau-Ausstellung ihrem Ende entgegenblüht, bringt das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe den mit Abstand schönsten und interessantesten künstlerischen Beitrag zur IGA, indem sie dem Garten, der gezähmten Natur, den wilden Wald, das Reich des mittelalterlichen „Silvanus“, des Wilden Mannes und der Wilden Frau gegenüberstellt. Professor Lise Lotte Möller hat alles, was zum Thema gehört, aus deutschen, niederländischen, französischen und Schweizer Museen zusammengeholt und durch die reichen eigenen Bestände ergänzt – das Hamburger Museum hat schon unter Max Sauerlandt Bronzefiguren wilder Männer gesammelt. Gotische Bildteppiche, Minnekästchen, Bronzeleuchter, Goldschmiedearbeiten, Glasfenster, Chorgestühl, Spielkarten, Miniaturen, Kupferstiche. Herrliche und köstliche Dinge, die unsere Vorstellung vom Mittelalter, von der Gotik um einen entscheidenden Aspekt bereichern. Die Wilden Leute, zottelig, behaart, Wesen zwischen Mensch und Tier, die im Wald und im Wasser hausen, repräsentieren im mittelalterlichen Weltbild alles Wüste, Rohe, Dämonische, Unheimliche und Wunderbare. Sie sind die Verächter der Ordnung, die metaphysische Opposition gegen das „vil edele“, die „maaze“. Sie verspotten das Minnespiel und travestieren das Ritterwesen, indem sie mit der Keule, mit dem ausgerissenen Baum zum Turnier antreten. Die Wilden Männer sind Frauenräuber, erstürmen Minneburgen, die Wilden Frauen sind als „Meerwunder“, als junge Hexen den Männern gefährlich. Die Bildwerke bestätigen, wie sehr die Wilden Leute beiderlei Geschlechts die mittelalterliche Phantasie beschäftigten und wie sehr die Künstler und ihre Auftraggeber mit ihnen sympathisierten. Es gibt auch den Austausch der Rollen. Der Ritter geht in den Wald, gesellt sich zu den Wilden Leuten, und der Wilde Mann wird zahm, „ich wil iemer wesen wild – bis mich zemt ein frovwen bild“, heißt das Spruchband auf einem Schweizer Bildteppich vom Ende des 15. Jahrhunderts, auf dem die Dame den Wilden Mann an der Kette hält. Der Wilde Mann – Furcht und Hoffnung der Frauen, in der Gestalt des Liebhabers und, auf dem berühmten Dürer-Stich, in der Gestalt des Todes. Die Ausstellung dauert bis zum 30. Oktober. Der Katalog hat als erste Sonderpublikation über eines der interessantesten Themen mittelalterlicher Kunst dokumentarischen Wert. g. s.