Von Robert Strobel

Bonn, Ende September

In wenigen Tagen wird ein Mann von der politischen Bühne Bonns abtreten, der sich, so wichtig auch seine Rolle gewesen ist, immer im Hintergrunde hielt und der einer breiteren Öffentlichkeit wohl nie bekannt geworden wäre, hätten nicht die Kritiker seiner Vergangenheit immer wieder öffentliche Angriffe gegen ihn geführt: Dr. Hans Globke, Staatssekretär im Bundeskanzleramt. Er hat die Altersgrenze erreicht und tritt in den Ruhestand.

Wenn es auch viele nicht wahr haben wollen, so steht doch fest, daß Hans Globke im Hitler-Reich eine Doppelrolle gespielt hat wie so mancher andere, der damals nicht den fast selbstmörderischen Mut zu offenem Widerspruch aufbrachte und deshalb mit Täuschung und List unter scheinbarer Zustimmung gegen das verbrecherische Regime zu wirken suchte. Diese Art des Widerstandes – die, abgesehen vom Martyrium, einzig möglich war unter einer so brutalen Diktatur – wird ja auch immer wieder gegen Ulbricht angewandt, der Globke vor einigen Wochen einen Schauprozeß machen ließ, wobei denn wieder von Globkes Kommentar zu den "Nürnberger Rassegesetzen" die Rede war, von dem die einen meinen, er habe, wenigstens in den ersten Jahren, das Schlimmste verhindert, während andere sagen, er habe den Auslegungsmöglichkeiten jener Verordnungen noch Schärfen hinzugefügt.

Der Bundeskanzler hat die Rolle, die Globke unter den Nazis gespielt hat, sehr genau prüfen lassen, bevor er ihm immer wichtigere Aufgaben im Bundeskanzleramt übertrug. Nachdem Adenauer sich aber überzeugt hatte, daß Globke schon auf Grund seiner geistigen Haltung und Herkunft – er wurzelte tief in dem politischen Gedankengut des damaligen Zentrums – trotz des äußeren Scheins von Anfang an ein Gegner des Nationalsozialismus gewesen sei, hielt er an diesem seinem Mitarbeiter fest, mochten auch die Kritiker noch so heftig protestieren.

Adenauer wußte, daß ihm nicht leicht ein anderer die Sorge um die technische Realisierung der Kabinettsbeschlüsse und damit um das Funktionieren des Regierungsapparates mit so großer Geschicklichkeit abnehmen könnte wie gerade Globke. Der Staatssekretär im Bundeskanzleramt, der zugleich auch Staatssekretär der Bundesregierung ist, hat in der Maschinerie der Regierungsarbeit nun einmal eine Schlüsselposition. Daraus haben manche den Schluß gezogen, Globke habe im Palais Schaumburg als eine graue Eminenz geherrscht. Nun, abgesehen davon, daß ein Mann von der Entschlußkraft Adenauers eine "graue Eminenz" nie neben sich geduldet hätte ("Graue Eminenzen" gedeihen erfahrungsgemäß nur in der Umgebung schwacher Regenten), hatte gerade Globke nichts, aber auch gar nichts von jenem politischen Ehrgeiz und Spieltrieb in sich, die nun einmal zum Wesen der führenden "Figuren hinter den Kulissen" gehören. Sein Ehrgeiz gipfelte darin, möglichst korrekt und sinnvoll die Amtspflicht zu erfüllen.

Eine seiner wichtigsten Aufgaben war die Vorbereitung der Tagesordnungen für die Kabinettssitzungen. Gewiß hatte immer der Kanzler das letzte Wort, wenn es darum ging, ob eine Vorlage in die Kabinettssitzung gebracht werden sollte oder nicht. Aber eine solche Entscheidung des Kanzlers brauchte nur selten eingeholt, zu werden. Es war ja gerade die Aufgabe des Staatssekretärs, für eine reibungslos und politisch vernünftig zusammengestellte Tagesordnung zu sorgen. Dies aber setzte eine gründliche Kenntnis des weitgedehnten Gebietes der Gesetzgebung voraus. Denn es kam natürlich häufig vor, daß mehrere Minister über die Dringlichkeit eines für die Tagesordnung der Kabinettssitzung vorgeschlagenen Gesetzentwurfs verschiedener Ansicht waren, wobei jeder natürlich dem Entwurf seines eigenen Hauses die größere Bedeutung beimaß. Hier galt es also, einen Vorschlag zu machen, welcher der allgemeinen Geschäftslage angemessen war und der politischen Rangordnung entsprach. Diese Arbeit freilich wurde dem Staatssekretär durch die Feststellungen seiner Koordinierungsreferenten erleichtert, von denen jeder mit einigen Ministerien Kontakt zu halten hat, um über deren Absichten und Interessen auf dem laufenden zu sein.