Von Theo Löbsack

Was braucht der Mensch zum Leben? Kann er auf die Dauer in wabenartigen Wohnungen existieren, beliebig eng mit seinesgleichen zusammen, oder braucht er – als geistiges Wesen – etwas mehr Raum um sich herum?

Um die Frage zu beantworten, was heute dem Menschen an physischem und psychischem Zusammenleben zugemutet werden kann, müßte man vorerst nach dem Gewicht fragen, das wir heute dem Naturschutz zumessen wollen. Jüngst – in Bad Boll – wurde ein Beispiel erwähnt, über das die ZEIT Anfang des Jahres berichtet hatte: Tierpsychologen haben in Amerika einen interessanten Versuch mit Ratten angestellt, um zu erfahren, bis zu welchem Grad die „Lust zu leben“ eines Säugetieres strapaziert werden kann. Die Psychologen sperrten achtzig Nager in einen dreieinhalb mal viereinhalb Meter großen Käfig. Die Ratten wurden dann bei besten Nahrungs- und „Wohnbedingungen“ sich selbst überlassen.

Zunächst ging alles gut. Aber nicht lange, und es kam zu Früh- und Fehlgeburten. Rattenweibchen, die ihre Würfe voll austrugen, verendeten bei der Geburt, andere versagten bei der Aufzucht ihrer Jungen. Unter den Männchen fielen sexuelle Abnormitäten, Kannibalismus und rasender Tätigkeitsdrang auf, dazu ein übertriebenes Bedürfnis, sich zu verstecken. „Neurosen als Vermehrungsbremse“ würde man vielleicht sagen, hätte es sich nicht um Ratten, sondern um Menschen gehandelt.

Was haben nun aber die Ratten mit dem Naturschutz zu tun? Die Folgerungen, die man aus dem Versuch ziehen kann, sind die: Seelische Entbehrungen bringen fühlbare körperliche Effekte mit sich, die schließlich die Fruchtbarkeit beschränken.

Auch der Mensch lebt nicht von Brot allein. Auch er braucht, wie jedes Säugetier, mehr zum Leben, als nur die rein elementaren Bedürfnisse zu befriedigen wie Essen, Trinken und Schlafen. Zu den Imponderabilien aber, die das menschliche Dasein erst wert machen, gehört das Gefühl, von den Betonmassen der großen Städte nicht erdrückt zu werden. Es gehört das Naturerlebnis dazu, oder wenigstens das der Landschaft, um deren Bestand die Naturschützer nun die ärgsten Besorgnisse hegen.

Naturschutz, so sagen sie, werde nicht allein der Natur zuliebe praktiziert, sondern um des Menschen willen. Offenbar ist es aber schwer, die breite Masse von dieser Notwendigkeit zu überzeugen. Inzwischen wird der Druck der Industriekapitäne immer größer. Fabriken entstehen an Waldesrändern. Unsere Städte und Vorstädte dehnen und recken sich in die Landschaft. Gas- und Ölleitungen, Straßenneubauten, Kanäle, Flug- und Truppenübungsplätze, Müllabladestellen dringen in die letzten bisher noch unberührten Landesteile; Luft- und Wasserverpestung zwingen die Natur zum Rückzug.