Monotonie macht krank Richard Neutra vor dem Kulturkreis in Goslar

Von Eka von Merveldt

Bei Fontane sagt der alte Stechlin: Religion ist gut, Religion ist wie eine untergelegte Hand. So knapp könnte auch Kultur in der heutigen Zeit definiert werden, wenn ein Fontane zur Stelle wäre. In Goslar fand soeben das diesjährige Treffen des Kulturkreises im Bundesverband der Deutschen Industrie statt. Aus diesem Anlaß sah man im nahen Braunschweig die Ausstellung „Ars viva“ der Stipendiaten und der Museumsspende des Kulturkreises. Wie doch hier die Künstler mit List und Pfiffigkeit die Betrachter zu belustigen und zu provozieren suchten. Ein Maler nennt ein Bild „Ein Komma, das den Berg versetzt“ und ein anderes „Aus hartgekochtem Katzenfell“. Und K. R. H. Sonderburg gibt nicht nur Datum, sondern auch die knappe Stunde der Entstehung eines Bildes (oder der Beobachtung des Dargestellten?) an: „6. 6. 62 16h53 bis 18h07“.

Man hatte Goslar als Treffpunkt gewählt, weil sich in dieser sorgfältig erhaltenen einstigen „Freien Reichs- und Hansestadt“ noch heute sichtbar und für die Augen wohlgefällig die kulturelle Lebenseinheit des Mittelalters widerspiegelt. In der Kaiserpfalz, wo riesige „Schinken“ der Historienmalerei an den Wänden der hohen Hallen manchen Irrtum der Künstler einer späteren Zeit demonstrieren, sagte der Oberbürgermeister: „Ich weiß, der Beitrag, den das heutige Goslar am deutschen Kulturleben leistet, ist nicht groß.“ Der Kultusminister von Niedersachsen bekannte, daß er mit diesem Ressort „ein dornenvolles Amt“ auf sich genommen habe, und der Generaldirektor der Gute-Hoffnungshütte Dr. Dr. Ing. h. c. Hermann Reusch erklärte: „Kultur kann durch Gleichgültigkeit gefährdet sein, durch Roheit des Staates, Roheit der Herrschenden. Heute steht die Gefahr anderswo: in der Gleichgültigkeit derer, die hinnehmen sollen, was an Kultur unternommen wird.“

Die heutigen Mäzene, die Industriellen, sind bescheiden geworden. Sie wollen nicht über die Künste herrschen. Sie zahlen und lassen gewähren. Nur den Formgebern – also Gestaltern praktischer Gegenstände – hatten sie einen präzisen Auftrag erteilt. Auf der Ausstellung in Braunschweig war das preisgekrönte Ergebnis zu sehen: ein Anschluß für einen überdimensionalen Quirl, wie ihn die Kunststoffindustrie oder die Bäcker verwenden. Ein gutes Stück.

Der Fördererkreis trat in Goslar zusammen, um das Nützliche über dem Schönen ein bißchen zu vergessen. Diese Mäzene drückten jedoch, danach gefragt, die Hoffnung in Prozenten aus, daß ihre Geldinvestitionen Früchte trügen: Sie seien zufrieden, wenn nur ein Fünftel der unterstützten Künstler reüssiere. 80 Prozent Fehlinvestitionen seien sie bereit zu tragen. Erfolge messen sie übrigens nicht zuletzt daran, daß „ihre“ Künstler auch anderswo preisgekrönt und in Akademien gewählt worden seien. So begegneten sie dem Verdacht der Zufälligkeit ihrer Auswahl. Sie deuteten dann an, daß eine gewisse „Saturiertheit“ in unserem Land auch die Künstler erwischt habe. Selbst Reisestipendien für junge Architekten lohnte kaum noch; sie reisten ohnehin. Wirklich? Sollte nicht einmal ein halbes Genie unentdeckt bleiben?

Es war von den früheren Grundsatzstiftungen die Rede: von der in der Tat großartigen Restauration der Ottobeurener Orgel, von der Plastiksammlung zum Andenken an den Bildhauer Lehmbruck, von der Einladung von Künstlern nach Berlin und von dem ständigen Seminar für Stadtplanung, das neuerdings eingerichtet wurde. Es soll am Beispiel Regensburgs, dieser sehr engen, von vergangenen Jahrhunderten geprägten Stadt, die mit den rohen Verkehrsforderungen der heutigen Zeit fertig werden muß, versucht werden, darzulegen, wie die Verbindung von Historischem und Modernem zu erreichen sei. Wobei die Stadt Regensburg natürlich später frei entscheiden kann, ob sie diesen von einem Architektengremium erarbeiteten Vorschlag akzeptieren oder ablehnen will.