Von Manfred Sack

Lustig oder traurig, wie man’s nimmt – „die Zukunft im Häuserbauen“ beginnt mit einem Paradoxon. Wo es allenthalben an den Stücken Erde mangelt, worauf der staatlich ermunterte Bürger dieses Landes seine eigenen vier Wände und ein Dach darauf setzen könnte, wo die Nachdenklichen sich fragen, ob es denn tunlich sei, immer noch und vor allem immer mehr Häuser zum „Drumherumgehen“ zu propagieren und zu bauen, immer weiter ins Land hinaus, wo dies und vieles andere geschieht, wird für das seriell aus der Fabrik kommende „Fertighaus“ geworben. Vor zwei Jahren erst hatten sich nur vierzehn Hersteller damit abgegeben, jetzt sind es deren vierhundert oder, wie auch zu lesen war, fünfhundertfünfzig – was ändert’s. Die Hälfte dieser Firmen hat 1962 nur je zehn und weniger Häuser gebaut. Es wird also munter spekuliert, und wo es so viele Bausparer gibt und noch viel, viel mehr Menschen, die sich das Vergnügen gönnen, wenigstens vom eigenen Häuschen zu träumen, muß wohl etwas zu erben sein.

Das Durcheinander der Begriffe und das Getümmel auf dem neuen Markt sind monströs. In dieser verwirrenden Situation, in der mehr Geschäfte gewittert denn architektonische Taten annonciert werden, war es ein einleuchtend guter Einfall, doch einmal in einem Querschnitt zu zeigen, was zur Zeit nun wirklich vorhanden ist. Wir hatten es schon kurz gemeldet: Der Stern hat eine Ausstellung von Fertighäusern in Quickborn (Schleswig-Holstein), zwanzig Kilometer nördlich von Hamburg, arrangiert. Professor Erich Kühn von der Technischen Hochschule in Aachen hat die 48 Fertighäuser aus mehreren Ländern zu einer Siedlung geordnet. Er hat mit viel Geschick versucht, die sehr unterschiedlichen Gebilde so zu gruppieren, daß man einen Eindruck davon bekommt, wie solche Häuser für sich und mit ihrer Umgebung wirken.

Die Attraktivität der Schau entspricht den allgemeinen Erwartungen: Es mangelt keineswegs an hoffenden, träumenden, an nur neugierigen wie an kritisch prüfenden Besuchern, oft von weither. Rund eine Viertelmillion Menschen sind bisher gekommen. Was also ist in Quickborn bis zum 15. Oktober zu beobachten, welche Erwartungen werden geweckt und was macht nachdenklich?

Das von manchen zuerst zugunsten des Fertighauses benutzte Argument – der Handwerkermangel wirkte sich nicht aus, keine schlechte Qualität – erweist sich sogleich als trügerisch. Es gibt schiefe Türen, nicht fest schließende Fenster, viele Ritzen und Löcher; Holzleisten, mit denen ein Haus verkleidet ist, lösten sich beim ersten Betasten, und die Nägel, mit denen sie befestigt worden waren, rosten langsam vor sich hin. Da sind Fußleisten aus Kunststoff, die sich schon verzogen haben, und viele Staubfänger, die brave Hausfrauenherzen zur Verzweiflung bringen; da sind Balken, die nur halb gehobelt und krumm sind und Astlöcher haben und dann mit weißer Farbe entsetzlich beschmiert wurden. Die Details verraten, daß man gebaut hat, ehe zu Ende gedacht zu haben.

Zweites Argument: Schnelligkeit. Die Lieferfristen schwanken. Ehe manche Firmen zurandekommen, hat man sich auch ein gewöhnliches Stein-auf-Stein-Haus gebaut. Wer heute bestellt, hat also übermorgen nicht in jedem Fall sein neues Dach überm Kopf.

Der Preis ist als drittes Argument noch lange nicht stichhaltig. Mit geringen Schwankungen sind Fertighäuser genauso teuer wie andere. Überdies sind im „Festpreis“ verschiedene Dinge enthalten. Hier fehlt die Kücheneinrichtung, dort müssen Einbauschränke extra bezahlt werden. Der eine liefert Tapeten mit, der andere den Wohnzimmerteppich, der dritte bietet nur das nackte Gehäuse an. Im günstigsten Fall könnten sich, so heißt es, die bisherigen Durchschnittspreise um dreißig Prozent vermindern: wenn etwa hundert Häuser des gleichen Typs auf einem Grundstück aufgestellt werden.