Ich kenne einen Mann, der unsere Sprache um eine neue regionale Redensart bereichere hat. Die Sache ist die, daß wir jeden, der bei uns vorschnell. handelt, Remenjuk nennen. Früher hieß es: „Husch wie der Hase aus dem Hanf“, aber heute sagen wir: „Voreilig wie Remenjuk.“

Im Grunde ließe sich die ganze Geschichte mit ein paar Worten erzählen. Wie bekannt halten Schnellzüge in der Regel nicht auf unserer Station, aber eines Tages hielt doch einer. Für zwei, drei Minuten, nicht länger. Und das genügte, daß der Streckenwärter Remenjuk, ein nachdenklicher und oft mit sich selber sprechender Beamter der vierzehnten, niedrigsten Tarifgruppe, ein sympathisches Männlein, dessen Mütze stets ein Büschel Grauhaar entschlüpfte, verehelicht und kinderreich, also kein Grünschnabel und Abenteurer, den Kopf verlor und „voreilig wie Remenjuk“ wurde.

Ihr wißt sicherlich, wie es auf einer Station in einem so elenden Nest wie dem unseren zugeht: ein Dienstfernsprecher und ein Telegraph, ein paar Plakate an der Mauer, ein Stationsvorsteher ohne Humor, ein gähnender Wärter unter der Uhr und zwei junge Faulpelze als Hilfe. Nicht einmal eine ordentliche Kasse mit Fensterchen gibt es, und die Fahrkarten muß man beim Schaffner im Zug kaufen. Fliegt ein Schnellzug vorbei, muß man die Hand aus der Hosentasche nehmen, zwei Finger an die Mütze legen, den Zug mit den Augen bis zum Wald begleiten – und das ist eigentlich alles. Das Wichtigste ist allerdings der Telegraph, denn wenn einmal etwas Wichtiges passiert in der Welt, dann sicherlich nicht bei uns, sondern an dem einen oder anderen Ende der Strecke.

Aber vielleicht fange ich mit dem Regen an, der eines Nachts die Farbe vom Holzschild auf dem Bahnsteig spülte. Ehe der Maler mit Kübel und Pinsel erschien, war darauf der frühere Name unserer Station zu lesen gewesen. Dann war eine Aufschrift in einer anderen Sprache sichtbar geworden. Die Leute blickten auf die von früher bekannten Buchstaben mit Schweigen. Remenjuk kratzte sich am Hinterkopf. Jemand sagte sogar mir nichts dir nichts: „Ein Gruß vom Verblichenen“ oder so was Ähnliches.

Und dann – dieser Kasten! Eigentlich sollte es ein Geheimnis bleiben, aber in unserer Ortschaft verbreitet sich nichts so schnell wie ein Geheimnis. Was schlimmer war: Remenjuk redete nicht mit sich selber, sondern unterhielt sich darüber nach dem dritten Gläschen auch mit anderen. Eines Tages stachen sie Torf hinter dem Bach. Der Spaten klirrte gegen Metall. Zuerst dachten sie, es sei eine Bombe aus der Kriegszeit. Nichts dergleichen. Eine eiserne Truhe war es. „Perlen! Meßkelche!“ rief Remenjuks Frau und kratzte mit den Fingernägeln am Deckel. Kinder standen lauernd herum. Die beiden stürzten sich darauf, den Schatz zu bergen. Mit Mühe öffneten sie die Kiste, rissen hastig alte Lappen und Zeitungen heraus, bis sie auf etwas Weiches stießen, auf Seidenbänder, vergoldete Fransen, auf ein zusammengefaltetes Stück schweren Stoffes... „Ein Ornat! Ein Ballkleid aus dem Schloß!“ keuchte die Frau. Sie klopften den geheimnisvollen Gegenstand an der Luft aus und stopften ihn, so schnell es ging, wieder in den Kasten. Ach, es waren keine Perlen und kein goldener Kelch, weder Meßgewand noch Ballkleid, es war eine Fahne von dazumal. Das Emblem, seit der Kindheit bekannt: ein mit Silberfäden auf blauem Grund gesticktes Kleeblatt, ein seit Jahren nicht mehr gesehenes Kleeblatt. Irgend etwas wird ja immer auf der Mütze oder auf den Knöpfen getragen: früher war es das Kleeblatt. Aus dem aufgestickten Kranz kroch ein schwarzer Wurm hervor. Der Streckenwärter schüttelte sich: noch ein Gruß des Verblichenen. Ja, hier hat einmal die Schlacht stattgefunden, die fliehenden oder eingeschlossenen Soldaten werden die Fahne wohl vergraben haben. Remenjuk holte den Wurm aus den Falten, nahm ihn behutsam wie eine ausländische Zigarette zwischen zwei Finger und warf ihn über die Schulter hinter sich, weit weg in den Torfstich, Zur Abwendung alles Bösen. Mit einem schweren Seufzer ließ er den Deckel fallen und schüttete den Kasten mit Erde zu. Sein Weib stand bis zu den Knöcheln im nassen Torf und schnaufte vor Ärger. „Gut, daß uns kein Fremder gesehen hat“, sagte Remenjuk auf dem Rückweg, „wenn es die Kinder nur nicht in der Schule ausplappern.“ Er selbst vertraute sich aber am gleichen Abend beim dritten Gläschen seinem Schwager an: „Ob es früher besser war, weiß ich nicht mehr, aber damals war ich wenigstens jung. Die alten Zeiten sind vorbei, und über Tote soll man nichts Böses sagen. Da verbuddelst du, Brüderchen, ein silbergesticktes Kleeblatt im Torf, und dir scheint, es ist kein Kleeblatt, sondern ein Toter, der auferstehen will. Erst jene Aufschrift auf dem Bahnsteig, die unter der Farbe auftaucht, und jetzt diese Fahne, die aus dem Erdboden wächst. Lach mich nicht aus, aber das sind Vorzeichen...“

Na, und so hatte es denn angefangen: das Kleeblatt hatte er sich in den Kopf gesetzt. Und der Zufall wollte es, daß am Tag darauf bei uns das Gerede von der Ankunft der Zwölf aufkam. Welcher Zwölf? Die Kunde von ihrem geheimnisvollen Besuch hätte man mit Hilfe des Dienstfernsprechers leicht überprüfen können, aber der Stationsvorsteher, ein lebenserfahrener Mann, zog es vor, nicht zu telephonieren. Wozu denn auch? Er zog das Mützenschild nur noch tiefer über seine ausgeblichenen Augen, betrachtete die unterm Fenster stehenden Senfgläser, die im Falle einer unvorhergesehenen Festlichkeit als Schnapsgläser dienten, und wiederholte: „Zwölf sollen es sein?“ „Zwölf“, bestätigte der Heizer vom Güterzug, „sie sind schon an der Grenze.“ „Ho, ho!“ lächelte der Diensthabende unter der Uhr. „Zwölf, sagt Ihr?“ Seine Augen wurden sichtbar größer. „Wie die Apostel!“ platzte Remenjuk heraus. Die Männer lachten, der Vorsteher schlug sich mit der flachen Hand auf den Oberschenkel, daß die Gläser unterm Fenster nur so klirrten.

Vor ein paar Jahren noch hätten sich die Menschen in unserer Gegend davor gehütet, Gerüchte weiterzugeben. Über gewisse Dinge sprach man überhaupt nicht. Aber jetzt ist das, wie wir alle wissen, anders. Soviel Köpfe, soviel Meinungen und Vermutungen. Einmal heißt es, daß sie das Volk zählen und eine neue Straße durch das Moor bauen wollen, dann wieder, daß sie hinter dem Eisenbahndamm nach Petroleumquellen suchen, Judengerippe aus den Lehmkuhlen jenseits des Wäldchens ausbuddeln...