Von Werner Ross

Pädagogik ist eine seltsame Wissenschaft. Sie wird an den Universitäten betrieben und gelehrt, wo kein einziges lebendiges Exemplar jener Gattung aufzutreiben ist, die für sie soviel bedeutet wie Affen und Meerschweinchen für den Physiologen. Die Lehrer, die ihrerseits die Hände voll zu tun haben, die lebenstrotzenden Gegenstände dieser Wissenschaft zu bändigen, mißtrauen ihr darum. Sie gehen dem pädagogischen Schrifttum gern aus dem Wege, sind Pragmatiker, überzeugt, daß man ihr Handwerk oder ihre Kunst nicht auf Begriffe zielen könne. Darum mißtraute ich meinerseits dem sowjetischen Pädagogen Makarenko – bis ich feststellte, daß einer seiner stärksten Affekte die Abneigung gegen Professoren der Pädagogik ist –

Anton Semenovič Makarenko: „Ausgewählte pädagogische Schriften“, herausgegeben van Horst E. Wittig; Verlag Ferdinand Schöning, Paderborn; 290 S., 15,60 DM.

„Für Makarenko ist die sowjetisch-bolschwistische Ideologie charakteristisch, der er in allen wesentlichen Grundzügen treu geblieben ist“, lese ich auf der Umschlagklappe. Nein, wahrhaftig nicht! Makarenko konnte die kommunistischen Theoretiker nicht ausstehen. Er verspottet sie als den „Olymp“. Die sowjetischen Professoren der Pädagogik huldigten in den zwanziger Jahren, als Makarenko sehe verwahrlosten jungen Burschen auflas, dem reinen Rousseauismus: Ließe man die Kinder nur in der neuen Gesellschaftsordnung aufwachsen, würden aus ihnen von selbst kommunistische Prachtexemplare. „In Wirklichkeit ging jedoch aus diesen reinen Naturbedingungen nur das hervor, was natürlicherweise daraus erwachsen konnte: ganz gewöhnliches Wald- und Wiesenkraut.“

Makarenko war kein Kommunist, der die Prinzipien seiner Weltanschauung auf die Erziehung anwandte, sondern ein geborener Erzieher, der sich aus dem Kommunismus nahm, was er für die Erziehung hergab. Sein Triumph bestand darin, daß er aus wilden Herumstreichern gemeinschaftswillige, gemeinschaftsgläubige „Kommunarden“ formte, daß er Jugenddörfer schuf wie Pestalozzi oder der Pater O’Flaherty, aus dem unbändigen Vergnügen daran, in der dreckigsten Verwahrlosung, im bodenlosen Trotz und Spott das Menschenantlitz zu entdecken. Nichts hätte ihm ferner gelegen, als einen Lehrstuhl für Pädagogik zu besteigen. Sein stärkster Impuls war gelähmt, als die Sowjetpädagogik aus dem „heroischen“ Zeitalter des Experimentierens in das gesetztere der Systematik und Gesamtorganisation trat.

Ein Blick in sein Werk zeigt, daß Makarenko kein Denker ist. Sein erfolgreichstes Buch ist die Erzählung seiner pädagogischen Versuche und Erfolge bei der Bändigung jugendlicher Verbrecher und bei der Begründung seiner Jugendkollektive, die er unter dem Namen „Ein pädagogisches Poem“ zwischen 1933 und 1935 veröffentlichte. Weitere pädagogische Romane heißen „Ehre“ und „Flaggen auf den Türmen“. Auch sein theoretisches Hauptwerk gibt sich praktisch und will dem Leben dienen; er nannte das auf vier Bände geplante Werk, von dem nur einer fertig wurde, das „Buch für Eltern“. Er starb über der Arbeit, wenige Tage bevor sein Antrag auf Aufnahme in die Kommunistische Partei entschieden wurde.

In welchen Gesamtzusammenhang tatsächlich sein Leben und sein Werk gehört, zeigen eine sorgfältig gearbeitete Monographie und eine gründliche Gesamtdarstellung –