Philosoph, Psychologe, Pädagoge

Von Hans Wenke

Eduard Spranger hat uns eine kurze Selbstdarstellung hinterlassen. Sie beginnt mit den Sätzen: "Wenn ich in kürzester Formulierung aussprechen sollte, worin ich Aufgabe und Sinn meines Lebens erblickt habe, so würde ich sagen: Ergründung der Kräfte und Schicksale, die aus dem Innern des Menschen emporsteigen; Wunsch, sie zu schützen; Versuch, sie zu bilden. Nach der üblichen akademischen Fächereinteilung stehe ich also zwischen Philosophie, Psychologie und Pädagogik Aber das, was er eine Zwischenstellung nennt, ist nur ein betont neutraler Ausdruck der in seinem Wesen verwurzelten Zurückhaltung und Bescheidenheit; es ist in Wahrheit die bewundernswerte Universalität und Offenheit des Geistes, in der es ihm gelang, jene großen Bereiche zu umgreifen und ihre Einheit in wechselseitiger Durchdringung der Tatbestände und Probleme sichtbar zu machen.

In seiner Vaterstadt Berlin wuchs er in der Epoche nach der Reichsgründung auf; im Dreikaiserjahr 1888 trat er in die Schule ein. Er erlebt Glanz und Niedergang der Monarchie. In diese Zeit fällt der erste Abschnitt seines akademischen Lehramtes: 1909 ist er Privatdozent an der Universität Berlin; 1911 folgt er – 29jährig – einem Ruf an die Universität Leipzig und wirkt dort bis 1920 als Professor der Philosophie und Pädagogik, bis ihn der Weg mit der damals ehrenvollsten Berufung nach Berlin zurückführt, während Theodor Litt seine Nachfolge in Leipzig übernimmt. In Berlin entfaltet er seine tiefste und breiteste Wirksamkeit, die dreizehn Jahre später durch das nationalsozialistische Regime überschattet, aber in ihrer Intensität nicht gemindert wird, auch nicht, als die Machthaber ihn im Jahre 1944 ins Gefängnis zwingen. Nach dem Zusammenbruch steht er als Rektor an der Spitze der Universität, in die er viereinhalb Jahrzehnte früher als Student eingetreten war. Er konnte diese innerlich gewiß unlösbare Verbundenheit nicht aufrechterhalten, als das akademische Leben dort keine Stätte der Freiheit mehr fand. Aber er blieb dem akademischen Lehramt treu. Er nahm unter mehreren Berufungen westdeutscher Hochschulen den Ruf nach Tübingen an und wirkte dort seit dem Jahre 1946.

In diesem Lebensgang setzt sein wissenschaftliches Werk sehr früh ein: Seine Dissertation über "Die Grundlagen der Geschichtswissenschaft", die er beim Abschluß seines Studiums in Berlin im Jahre 1905 vorlegt, zieht das lebhafte Interesse der Philosophen und Historiker auf den jungen Verfasser. Wenige Jahre später schafft er sich mit seinen beiden Darstellungen über "Wilhelm von Humboldt und die Humanitätsidee" und "Wilhelm von Humboldt und die Reform des Bildungswesens" bereits die feste Stellung in der wissenschaftlichen Welt. Die "Lebensformen", die er 1914 im Entwurf und 1921 in ausführlicherer Darstellung veröffentlicht, und die "Psychologie des Jugendalters", die 1924 zuerst erscheint, werden zu großen wissenschaftlichen Ereignissen unseres Jahrhunderts und üben ihre weitstrahlende Wirkung in Deutschland und in vielen Nationen aus. Daneben steht eine Fülle von Einzeluntersuchungen und Vorträgen über historische und systematische Gegenstände und vor allem über aktuelle Fragen des politischen und sozialen Lebens, denen er stets – bis in die unmittelbare Gegenwart – mit höchster Wachsamkeit und mit innerem Engagement nachgegangen ist.

Ich habe den Vorzug gehabt, Eduard Spranger seit meiner Studentenzeit nahe zu sein, und in den politisch kritischen Zeiten schenkte er mir seine persönliche Freundschaft.

Als ich in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg in Berlin studierte, hatte ich das Glück, noch den großen Repräsentanten der deutschen Geisteswissenschaften zu begegnen, die im 19. Jahrhundert ihr Lebenswerk begonnen und nun vollendet hatten: Ulrich von Wilamowitz, Adolf von Harnack, Eduard Meyer, Hans Delbrück, Dietrich Schäfer, Alois Riehl, Carl Stumpf, Otto von Gierke, Rudolf Stammler. Im Vergleich mit ihnen nahm für uns Eduard Spranger eine besondere Stellung ein: Wir erkannten, daß er mit der geistigen Welt jener großen Persönlichkeiten aufs innigste verbunden war, aber wir spürten auch: seine Problemstellungen waren ganz andere; sie kamen aus der Zeit, in der wir standen oder, um es genauer zu sagen, in der wir herumirrten. Da erhielten wir von ihm eine geistige Orientierung, die sich keineswegs auf die Fragen seiner Lehrgebiete beschränkte und deshalb in ihrer Wirkung nicht durch die Begrenzungen von speziellen Disziplinen oder Fakultäten aufgehalten wurde. Die Theorie des Verstehens, die er entwickelt hat, fand in jeder Vorlesung und in jedem Seminar ihre Anwendung und Bewährung.

Seine Philosophie, die der Begründung und dem Ausbau eines Reiches der Werte gilt und die sich über die Verfangenheit im Hier und Jetzt erhebt, führt gleichwohl an keiner Stelle zur Verachtung der Dinge, die um uns sind und mit denen wir leben, und sie verfällt andererseits nicht der Anziehungskraft und dem Reiz von Bewegungen und Erscheinungen, die heute kommen, das Feld beherrschen wollen und morgen vergangen sind. Die geistige Kraft hierzu liegt in dem Blick für das Wesentliche; das haben wir allmählich von ihm gelernt, und ich gestehe: es ist uns manchmal sehr schwergefallen. Wir fanden oft, daß er den Vorgängen und Geschehnissen gegenüber, die uns bestachen und in Bann schlugen, kühle Distanz bewahrte; wir wußten, daß er dies nicht aus geistigem Hochmut oder aus Lebensfremdheit tat, sondern weil er vom substanziellen Gehalt solcher Erscheinungen nicht überzeugt war. Dann und wann wurden wir ungeduldig; aber oft genug haben uns dann drastische Erlebnisse und Erfahrungen zu den Einsichten geführt, zu denen er mit tieferem Blick von vornherein gekommen war.

Philosoph, Psychologe, Pädagoge

Mit dieser kurzen Skizzierung aus der Erinnerung meiner Studentenzeit glaube ich, zugleich einige Grundzüge seiner geistigen Gestalt verdeutlicht zu haben. Ich kann darin sicher sein, weil viele andere dies in den Zeugnissen der Freunde und Weggenossen bestätigt haben, die ihm als Festschrift zu seinem 75. Geburtstag dargebracht wurden. Ich greife die Äußerung des Hamburger Senators Heinrich Landahl heraus, die auf noch früheren Erinnerungen, als ich sie habe, ruht und von Sprangers Lehrtätigkeit in Leipzig ein eindrucksvolles Bild gibt: "Wir wußten, auch wenn wir ihn noch nicht gesehen und gehört hatten, er nahm Stellung zu den geistigen Fragen der uns so bedrängenden Gegenwart ... Dann begann er zu sprechen. Das war keine Vorlesung, das war geistiger Anruf, persönliche Auseinandersetzung, packend und mitreißend in jeder Stunde, die immer viel zu schnell zu Ende ging."

Daneben stelle ich die kurze, meisterhafte Skizze der äußeren Erscheinung des akademischen Lehrers, die Walter Jens nach seinen Eindrücken aus den letzten Tübinger Jahren gezeichnet hat: "Wenn man ihn sieht: weißhaarig, gestrafft und grazil; wenn man die Stimme hört – leise, artikuliert und von melodischer Präzision; wenn er das Katheder betritt, dann scheint die Zeit stillzustehen, und hinter dem Bild dieses einzelnen Mannes erhebt sich der Riesenschatten einer Epoche. Wer spürte nicht, als er (nach langem Schweigen noch einmal öffentlich redend) die Manen der Friedrich-Wilhelm-Universität beschwor, hinter seinen Gedanken und Gesten die lebendige Sprache Fichtes und Schellings, Wilamowitz’ und Mommsens? Wen hätte diese Stunde nicht ergriffen, in der ein Berufener über den Geist eines Zeitalters sprach, den er wie kein zweiter repräsentiert: bescheiden und nobel, behutsam und gelassen – ein Vertreter des Ancien Regime, der den Modernen noch immer voraus ist?"

Philosophie, Bildungslehre und Dasein sind zur Einheit geworden, und in dieser Gestalt wahrhaft geformten Lebens sahen wir Eduard Spranger stets unter uns wirken. Was ihn auszeichnete, befähigte ihn im höchsten Maße und in idealer Weise zur Führung und Wegweisung in unserer Zeit. Ein eindrucksvolles Beispiel für sein Denken, das den Aufgaben und Sorgen der Gegenwart verbunden und auf die Zukunft gerichtet, war, hat er einmal der Öffentlichkeit gegeben, als er in einer Festrede zum zweiten Jahrestag der Bundesrepublik am 12. September 1951 das Bild unseres politischen Daseins entwarf und dort als sein Bekenntnis aussprach: "Kein Mensch darf sich eines ehrlichen Umlernens schämen. Alles in der Welt hat sich verwandelt. Wir allein sollten keiner Verwandlung bedürfen? – Stirb und Werde! Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, so habe ich vieles, was meinem Herzen nahelag, in nicht leichten Selbstüberwindungen abtun müssen."

Später hat er diesen Aufruf zur Überprüfung gewonnener Einsichten an jeden Erzieher gerichtet: "Der echte Erzieher wird immer von neuem das Ideal prüfen, in dessen Dienst er sich mit seiner Arbeit stellt. Es soll hier und jetzt lebendig werden." Die Schriften, die er noch in diesem Jahr veröffentlicht und in denen er sich der heutigen Situation der Jugend und den vielbesprochenen Aufgaben der politischen Bildung zugewandt hat, sind ein großartiges Zeugnis dieser Fähigkeit eines offenen Blickes für das, was die Zeit bringt, aber auch ein Zeichen für die Kraft des kritischen Urteils über den Wert und die Tragweite der Forderungen, die jeder Tag an uns stellt. So habe ich es auch in den letzten persönlichen Begegnungen und Gesprächen in Tübingen erfahren, in denen er sich mit den Fragen und Aufgaben befaßte, vor denen heute die Universität steht, der er als Hochschullehrer und als Gelehrter sein Leben gewidmet hatte. Allen denen, die daran mitwirken wollen, daß die Universität ihre Wirkungskräfte auch in unserer Welt voll entfalten kann, hat er einen Rat gegeben, der ernst genommen werden sollte. Er schrieb vor einiger Zeit: "Wer sich zur Persönlichkeit bilden will, muß sich zunächst mit dem Geist der Sachlichkeit erfüllen. Dieses große Erziehungsmittel kann an der Universität zur Wirkung gelangen wie an keiner anderen Stätte. Zur erkannten Sache muß schließlich auch Stellung genommen werden. Die dann notwendigen ‚Wertungen‘ dürfen nicht Ausfluß von Vorlieben und Abneigungen sein, sondern finden ihr Maß an einem sittlich gereinigten, gewissenhaften und verantwortungsbewußten Kulturwillen."

Eduard Spranger hat durch die Weite und das Gewicht seiner Gedanken und Erkenntnisse selbst dafür gesorgt, daß sein Werk über sein Leben hinaus wirksam bleibt, soweit das in der Macht des einzelnen liegt. Damit hat er es uns leicht gemacht, sein Vermächtnis zu pflegen und es aus eigener Initiative zu erhalten. Darin allein kann eine ehrliche Würdigung seiner Persönlichkeit gefunden werden.