Mit dieser kurzen Skizzierung aus der Erinnerung meiner Studentenzeit glaube ich, zugleich einige Grundzüge seiner geistigen Gestalt verdeutlicht zu haben. Ich kann darin sicher sein, weil viele andere dies in den Zeugnissen der Freunde und Weggenossen bestätigt haben, die ihm als Festschrift zu seinem 75. Geburtstag dargebracht wurden. Ich greife die Äußerung des Hamburger Senators Heinrich Landahl heraus, die auf noch früheren Erinnerungen, als ich sie habe, ruht und von Sprangers Lehrtätigkeit in Leipzig ein eindrucksvolles Bild gibt: "Wir wußten, auch wenn wir ihn noch nicht gesehen und gehört hatten, er nahm Stellung zu den geistigen Fragen der uns so bedrängenden Gegenwart ... Dann begann er zu sprechen. Das war keine Vorlesung, das war geistiger Anruf, persönliche Auseinandersetzung, packend und mitreißend in jeder Stunde, die immer viel zu schnell zu Ende ging."

Daneben stelle ich die kurze, meisterhafte Skizze der äußeren Erscheinung des akademischen Lehrers, die Walter Jens nach seinen Eindrücken aus den letzten Tübinger Jahren gezeichnet hat: "Wenn man ihn sieht: weißhaarig, gestrafft und grazil; wenn man die Stimme hört – leise, artikuliert und von melodischer Präzision; wenn er das Katheder betritt, dann scheint die Zeit stillzustehen, und hinter dem Bild dieses einzelnen Mannes erhebt sich der Riesenschatten einer Epoche. Wer spürte nicht, als er (nach langem Schweigen noch einmal öffentlich redend) die Manen der Friedrich-Wilhelm-Universität beschwor, hinter seinen Gedanken und Gesten die lebendige Sprache Fichtes und Schellings, Wilamowitz’ und Mommsens? Wen hätte diese Stunde nicht ergriffen, in der ein Berufener über den Geist eines Zeitalters sprach, den er wie kein zweiter repräsentiert: bescheiden und nobel, behutsam und gelassen – ein Vertreter des Ancien Regime, der den Modernen noch immer voraus ist?"

Philosophie, Bildungslehre und Dasein sind zur Einheit geworden, und in dieser Gestalt wahrhaft geformten Lebens sahen wir Eduard Spranger stets unter uns wirken. Was ihn auszeichnete, befähigte ihn im höchsten Maße und in idealer Weise zur Führung und Wegweisung in unserer Zeit. Ein eindrucksvolles Beispiel für sein Denken, das den Aufgaben und Sorgen der Gegenwart verbunden und auf die Zukunft gerichtet, war, hat er einmal der Öffentlichkeit gegeben, als er in einer Festrede zum zweiten Jahrestag der Bundesrepublik am 12. September 1951 das Bild unseres politischen Daseins entwarf und dort als sein Bekenntnis aussprach: "Kein Mensch darf sich eines ehrlichen Umlernens schämen. Alles in der Welt hat sich verwandelt. Wir allein sollten keiner Verwandlung bedürfen? – Stirb und Werde! Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, so habe ich vieles, was meinem Herzen nahelag, in nicht leichten Selbstüberwindungen abtun müssen."

Später hat er diesen Aufruf zur Überprüfung gewonnener Einsichten an jeden Erzieher gerichtet: "Der echte Erzieher wird immer von neuem das Ideal prüfen, in dessen Dienst er sich mit seiner Arbeit stellt. Es soll hier und jetzt lebendig werden." Die Schriften, die er noch in diesem Jahr veröffentlicht und in denen er sich der heutigen Situation der Jugend und den vielbesprochenen Aufgaben der politischen Bildung zugewandt hat, sind ein großartiges Zeugnis dieser Fähigkeit eines offenen Blickes für das, was die Zeit bringt, aber auch ein Zeichen für die Kraft des kritischen Urteils über den Wert und die Tragweite der Forderungen, die jeder Tag an uns stellt. So habe ich es auch in den letzten persönlichen Begegnungen und Gesprächen in Tübingen erfahren, in denen er sich mit den Fragen und Aufgaben befaßte, vor denen heute die Universität steht, der er als Hochschullehrer und als Gelehrter sein Leben gewidmet hatte. Allen denen, die daran mitwirken wollen, daß die Universität ihre Wirkungskräfte auch in unserer Welt voll entfalten kann, hat er einen Rat gegeben, der ernst genommen werden sollte. Er schrieb vor einiger Zeit: "Wer sich zur Persönlichkeit bilden will, muß sich zunächst mit dem Geist der Sachlichkeit erfüllen. Dieses große Erziehungsmittel kann an der Universität zur Wirkung gelangen wie an keiner anderen Stätte. Zur erkannten Sache muß schließlich auch Stellung genommen werden. Die dann notwendigen ‚Wertungen‘ dürfen nicht Ausfluß von Vorlieben und Abneigungen sein, sondern finden ihr Maß an einem sittlich gereinigten, gewissenhaften und verantwortungsbewußten Kulturwillen."

Eduard Spranger hat durch die Weite und das Gewicht seiner Gedanken und Erkenntnisse selbst dafür gesorgt, daß sein Werk über sein Leben hinaus wirksam bleibt, soweit das in der Macht des einzelnen liegt. Damit hat er es uns leicht gemacht, sein Vermächtnis zu pflegen und es aus eigener Initiative zu erhalten. Darin allein kann eine ehrliche Würdigung seiner Persönlichkeit gefunden werden.