Von Erwin Lausch

Auf der Suche nach Überresten steinzeitlicher Siedlungen durchstreifte vor fünf Jahren der britische Archäologe James Mellaart die Hochebene von Konya, 300 Kilometer südlich der türkischen Hauptstadt Ankara. Mit dem Fahrrad fuhr er, ein gebürtiger Holländer, von einer Erhebung der hügelreichen Landschaft zur anderen. Er vermaß 200 Hügel, suchte ihre Oberfläche nach archäologischen Fundstücken ab und erkor schließlich einen 17 Meter hohen und 500 Meter langen Doppelhügel zu genauer Untersuchung.

Mellaart traf eine hervorragende Wahl. Seit er 1961, drei Jahre nach jener Radpartie, an der Westseite des Doppelhügels zu graben begann, ist Çatal Hüyük (zu deutsch: „Doppelhügel“) eine archäologische Sensation geworden. Der radelnde Vorgeschichtsforscher entdeckte eine Stadt, die der ältesten bis dahin bekannten Stadt der Erde – Jericho – an Alter ebenbürtig, an Funden aber weit überlegen ist. Der Doppelhügel erwies sich als eine der bedeutsamsten Fundstätten der letzten Jahrzehnte.

In den Grabungsperioden 1961 und 1962 fand der Brite, neben anderen archäologischen Kostbarkeiten, die bislang ältesten Wandmalereien und die ältesten Textilien. Ihr Alter konnte nach der Radiokarbonmethode bestimmt werden: 8500 Jahre. In dieser Saison, so meldet Mellaart jetzt, hat er noch ältere Fresken und Textilien ausgegraben und neue aufschlußreiche Relikte der frühen Bewohner von Çatal Hüyük entdeckt.

Der Doppelhügel birgt ein steinzeitliches Troja. Zehn Kulturgeschichten liegen übereinander, die möglicherweise bis in die Barbarei zurückreichen und somit vielleicht erkennen lassen, was Archäologen auch andernorts im Nahen Osten mit Eifer suchen: den Ursprung der Kultur.

In den ersten beiden Grabungsperioden war Mellaart bis zur sechsten Schicht vorgestoßen. Was er fand, übertraf, wie er erklärte, seine kühnsten Erwartungen.

„Nach zwei Perioden der Ausgrabung ist nun überreichlich klar“, schrieb der Archäologe, „daß dieser eindrucksvolle Erdhügel die aufeinanderfolgenden Überreste nicht eines großen oder übergroßen Dorfes enthält..., sondern einer Stadt, bewohnt von einer Gemeinde mit entwickelter Wirtschaft, sozialer Organisation spezialisiertem Handwerk, reichem religiösem Leben und wohlentwickelter Kunst.“