L. F., Mainz

Wenn die Mainzer sich ärgern wollen, dann brauchen sie nur über den Rhein zu blicken. Dort liegt der Stein des Anstoßes immer parat. Der Mainzer Oberbürgermeister – Stein sein Name – empörte sich: „Mainz, das zu 80 Prozent ausgebombt wurde und damit das Schicksal vieler deutscher Städte teilt, steht aber als geteilte Stadt nur noch neben Berlin!“ Schrieb’s und setzte seinen Namen drunter.

Den Stein des Anstoßes hatte den Wiesbadenern US-General Dwight D. Eisenhower vor die Haustür gelegt. Er hatte 1945 die Proklamation Nummer Zwei erlassen, deren Artikel 1 befahl, daß das östlich des Rheins gelegene Gebiet Rheinhessen dem „Staat Groß-Hessen“ anzugliedern sei, Mainz büßte dadurch sechs Vororte ein. Gustavsburg und Bischofsheim mit Ginsheim wurden dem hessischen Landkreis Groß-Gerau einverleibt. Die drei „AKK-Gemeinden“ Amöneburg, Kastel und Kostheim – übernahm die Stadt Wiesbaden in treuhänderische Verwaltung.

Seither herrscht Fehde zwischen den Hauptstädten von Hessen und Rheinland-Pfalz. Mainz trägt zwar den Titel „das goldene“, doch stammt dieser Beiname aus der Wirtschaftsblüte des frühen Mittelalters. Das 2000jährige Mainz ist reicher an historischem als an wirtschaftlichem Glanz. Um letzteren aufzupolieren, muß Geld und Industriegelände her. Beides liegt deutlich sichtbar, doch nicht zu erreichen am rechten Ufer des Rheins. Amöneburg, Kastel und Kostheim erfreuen sich einer üppigen Industrie, von deren Steueraufkommen der Mainzer Stadtsäckel freilich nicht profitiert, weil die drei Gemeinden getreu der Eisenhower-Order von Wiesbaden verwaltet werden.

Auch den Wiesbadenern sind die AKK-Orte ein Dorn im Auge. Hessens Metropole ist vornehmlich Kur- und Verwaltungsstadt. Industriebetriebe, die einträglich und zugleich weit genug entfernt sind, um den Kurbetrieb nicht zu stören, würden sie mit Freude eingemeinden. Doch Wiesbaden ist eben nur Treuhänder. Die Stadt hat zwar die Arbeit und muß sich um die AKK-Haushalte kümmern, doch von den Einnahmen der drei Goldgruben bekommt es keinen Pfennig ab.

Die Mainzer wissen, wie weh das den Wiesbadenern tut. Darum lauschen sie mißtrauisch jedem Ton, der im feindlichen Lager anklingt. Was gelegentlich dazu führt, daß man in Mainz das Wiesbadener Gras wachsen hört. So war es jüngst. Da hatten die Wiesbadener beim Mainzer Professor Bosch ein Wirtschaftsgutachten bestellt. In diesem Gutachten stehen ein paar Sätze über die drei Gemeinden drin. Im Mainzer Rathaus witterte man prompt Gefahr, daß Wiesbaden die drei Gemeinden annektieren wolle. Und Bürgermeister Stein sprach von einem „Griff in fremde Taschen“, kramte dann aus dem Stadt-Nähkästchen zehn Jahre alte Flugblätter hervor und bastelte daraus eine bitterböse Kampfschrift. „Der Rhein als Zonengrenze hindert die Stadt Mainz, ihre industriereichen rechtsrheinischen Gebiete selbst zu verwalten“, hieß es darin, und „Mainz, die amputierte Stadt im Westen, ruft nach Hilfe“. Von der amputierten Stadt bis zum Vergleich mit Berlin war es dann nicht mehr weit.

In Wiesbaden schlug das Pamphlet wie ein Bömbchen ein. Da hatte doch der Feind jenseits des Rheins wahrhaftig städtischen Kleinkrieg mit hochpolitischem Sprengstoff geführt. Mußte man ihn dafür nicht empfindlich zausen? Oder sollte man ihm diesmal nicht doch lieber im gemeinsamen höheren Interesse durch Diskretion aus der vorschnell verspritzten Tinte helfen? Immerhin ist Mainzens Oberbürgermeister Stein ein SPD-Mann. Und auch Wiesbaden wird von einem SPD-Stadtoberhaupt gelenkt. Die Hessen zogen sich glänzend aus der Affäre. Sie ließen als Stellvertreter ihres SPD-Oberbürgermeisters ihren CDU-Bürgermeister Lutsch erklären, die Steinsche Kampfschrift sei „in Form und Sache bedauerlich“. Solch schroffe Formulierungen, wie er da von sich gegeben habe, trügen nicht gerade dazu bei, das nachbarliche Verhältnis zu bessern.

Kurz darauf drang aus den nun zum hessischen Landkreis Groß-Gerau gehörenden ehemals Mainzer Gemeinden Bischofsheim, Ginsheim und Gustavsburg die Kunde, daß sich in ihrem Verhältnis zum Mainzer Rathaus ein Lichtblick zeige. Alle drei Gemeinden haben Bürgermeister gewählt. Doch Mainz schrieb bislang nur an die „Ortsverwaltungen“ und nannte die Gemeindeoberhäupter „Ortsvorsteher“. Nun sind die Mainzer Briefe an „Herrn Bürgermeister“ addressiert...