Theo Birker (Herausgeber): „Die Moskauer Schauprozesse, 1936–1938“; Deutscher Taschenbuchverlag, München; 296 S., 4,80 DM.

Noch einmal überfällt einen der unwiderstehliche Schauder, der einen vor mehr als fünfundzwanzig Jahren schon einmal heimgesucht hat, wenn man die Dokumente liest, die in Birkers Auswahlband enthalten sind. Die alten Freunde und Mitstreiter Lenins, die Blüte der bolschewistischen Führerschaft beschuldigt sich unter den hämmernden Anklagen des Staatsanwalts Wischinsky, daß sie sich gegen die Herrschaft des Bolschewismus verschworen habe; schließlich geht sie demütig und gebrochen in den Tod oder in den Kerker, Das erschien einem immer als Ausgeburt des Wahnsinns. Jetzt hat man den Eindruck wieder, man schwankt, ob man in der Hölle oder im Irrenhaus ist, ob einen Dämonen oder Kranke umgeben.

Birker hat seiner Auswahl eine gescheite und eindringliche Einleitung vorausgeschickt, die einem hilft, einen Sinn in der furchtbaren Eintönigkeit dieser verrückten Ereignisse zu finden. Stalin glaubte der Prozesse zu bedürfen, um bei den Massen das Gefühl zu erwecken, daß ihr Staat von innen und außen bedroht sei und daß sie sich um so dichter um ihn scharen müßten. Sein Ziel hat er erreicht. Daß Männer wie Bucharin, Sinowjew und Kamenjew ihn durch ihre gefälschten Geständnisse unterstützten, ist sicherlich nicht nur der brutalen Arbeit der Geheimpolizei, sondern auch der Verwüstung des logischen Denkens zuzuschreiben, der auch die Klügsten unter den Bolschewiken um so mehr verfallen mußten, je länger sie die vernunftstörenden Gesetze der bolschewikischen Propaganda anerkannt hatten. A. L.