Von Wolfgang Kuballa

Jahrzehntelang war die Uhrenindustrie das „Schoßhündchen“ der Schweizer Wirtschaft. Sie wurde gehätschelt und durch Bestimmungen und Gesetze gegen innere und äußere Feinde beschirmt. Kein Wunder, daß sie bei der Tüchtigkeit der Eidgenossen blühte und gedieh und im Jahre 1937 einen Anteil von 52 Prozent am Weltexport erreichte. Mehr als 48 Millionen Uhren trugen den Begriff „Swiss made“ in fast alle Länder.

Das selbstzufriedene Dasein in der Branche erhielt erst einen Schlag, als im Dezember 1961 mit einem Referendum die sofortige Liberalisierung der Uhrenindustrie gefordert wurde. Bei der Abstimmung entschloß man sich zu einem schrittweisen Entzug der staatlichen Protektionen. So ist ab Anfang 1966 für die Errichtung von Fabrikationsbetrieben für Uhren und Räderwerke keine staatliche Genehmigung mehr nötig. Und der Export von Einzelteilen und Fertigungsmaschinen, der bisher verboten war, wird ab Ende 1971 keinerlei Beschränkungen mehr unterliegen. Damit wird es den Herstellern im Ausland leichter möglich, mit den Schweizern zu konkurrieren.

Die Weltproduktion von Uhren und Räderwerken betrug 1961 etwa 79 Millionen Stück. Hauptproduzent war nach wie vor die Schweiz, deren vollbeschäftigte Uhrenindustrie 46 % exportierte, also etwas weniger als in der Vorkriegszeit.

Neuerdings ist die Vormachtstellung der Schweizer gefährdet. In 2700 bis 3000 Kleinbetriebe aufgesplittert, ist die Branche nicht in der Lage, kostengünstig zu arbeiten.

Wie in vielen anderen Bereichen sind auch hier die Japaner die Haupt-Konkurrenten. Sie begannen zunächst die Märkte des Fernen Ostens zu erobern. Die japanische Produktion von Uhren und Räderwerken betrug 1962 rund 10,6 Millionen Stück. Davon wurden 700 000 exportiert, und für 1963 ist mit einer weiteren Steigerung des Exports von 10% zu rechnen. Vor allem in Südkorea macht sich die japanische Konkurrenz bereits empfindlich bemerkbar. Während dort der Anteil der Schweiz am Uhrenimport 1960 noch 75% betrug, fiel er 1962 bereits auf 50% ab und wird 1963 wegen der japanischen Konkurrenz kaum mehr als (40 % betragen. Der Vorteil der Japaner liegt vor allem in der Konzentration der Unternehmen. Allein vier große Firmen bestreiten den gesamten Export, während die kleineren Unternehmen nur lokale Bedeutung haben.

Auch die Schweizer können auf die Dauer im Export nur konkurrenzfähig bleiben, wenn sie sich zu kapitalkräftigen Gruppen zusammenschließen. Doch sie sind an Dezentralisierung gewöhnt und konservativ. Kein Wunder, daß sie die Entwicklung mit großer Skepsis betrachten. Denn ihnen, den seriösen Uhrenfabrikanten, geht es nicht nur um gute Geschäfte, sondern auch um den Export des Wertbegriffes „Swiss made“. Sie wollen nicht in die Massenfabrikation. Sie befürchten vor allem, daß ihr guter Name im Ausland durch minderwertige Qualität abgewertet werden könnte.