Die Entdeckung der Gesellschaft im 18. Jahrhundert war eine der geistigen Revolutionen der Neuzeit. Daß es Strukturen von greifbarer Festigkeit gibt, in die wir alle eingebunden sind; Sitten, denen wir gehorchen müssen, wenn wir nicht den Sanktionen der Umwelt verfallen wollen; Abhängigkeitsverhältnisse, denen wir uns schwer entziehen können; Ungleichheiten der sozialen Stellung, die sich in unserem Verhalten zu anderen niederschlagen – all dies und vieles Verwandte ist zum Ansatzpunkt der Wissenschaft der Soziologie geworden.

Die Forschung und Lehre der Soziologie hat heute in vielen Ländern eine beachtliche Breite erreicht. Aber die Soziologie hat sich nicht nur entfaltet, sie ist auch Mode geworden. Was der Soziologe tut, steht im Brennpunkt der Öffentlichen Diskussion, ja mehr, wo immer man nicht mehr weiter weiß, wird heute der Ruf nach dem Soziologen laut. Es ist schwer, so begehrt zu sein und doch auf die Dauer zu widerstehen. So kommt es, daß der Soziologe gelegentlich auch dort den Ansprüchen an ihn nachgibt, wo er eigentlich nicht mehr zuständig ist; so kommt es vor allem, daß die Soziologie in Bereiche eindringt, in denen sie eigentlich nichts zu suchen hat. An die Stelle der soziologischen Informiertheit tritt der Soziologismus.

Diese Bemerkungen klingen abstrakt, haben aber höchst konkrete Bezüge. Lassen Sie mich vier Beispiele für den Soziologismus der Moderne geben, die alle das eine gemeinsam haben, daß hier der Mut zur Entscheidung und das Erfordernis der Information verwechselt werden.

Es gibt einen Soziologismus in der Theologie. Auf der Suche nach neuen Quellen der Interpretation der christlichen Überlieferung, insbesondere aber auf der Suche nach Wegen zur Durchsetzung der Kirche in unserer Zeit, verfallen praktische Theologen, Sozialethiker, zuweilen auch Dogmatiker auf den Ausweg, die Wirklichkeit zum Maßstab ihres Handelns zu machen. Es werden soziologische Untersuchungen über das religiöse Bewußtsein von Menschen angestellt (was ganz in Ordnung ist), um (was nicht mehr in Ordnung ist) anschließend die Predigtsprache oder selbst das theologische Verständnis auf die Erhebungsergebnisse zuzuschneiden. Es wird untersucht, warum Menschen nicht in die Kirche gehen, um anschließend die Kirche mit offenbar attraktiveren Einrichtungen zu umgeben.

Das Motiv, das hier eine Rolle spielt, ist noch deutlicher im Bereich der Erziehung und der Pädagogik. Es ist das Motiv der Anpassung an die gesellschaftlichen Verhältnisse. Wenn die Gesellschaft technisiert und mechanisiert ist, dann muß die Schule dem durch stärkere Betonung des naturwissenschaftlichen Unterrichts Rechnung tragen... So etwa verläuft eines der bezeichnenden und irreführenden Argumente in diesem Bereich. Die Wirklichkeit soll hier also die Erziehungsziele liefern; und da für die Untersuchung der Wirklichkeit der Soziologe zuständig ist, wird er um Rat gefragt, nein mehr, zur Entscheidungsinstanz gemacht.

Neuerdings ist diese Art des Soziologismus auch in das Recht und die Rechtswissenschaften schon eingedrungen. Unter den vielen Argumenten rings um die Strafrechtsreform wiegt das nicht am leichtesten, daß man doch eigentlich nicht von oben her entscheiden könne, was als Recht und was als Unrecht zu gelten habe. Man müsse vielmehr zunächst einmal durch soziologische Untersuchungen herausfinden, was die Menschen in Wirklichkeit für Recht und Unrecht halten, um sich in der Gesetzgebung und Strafzumessung dann darauf zu beziehen.

Es ist nur eine Variante einer solchen Auffassung, wenn in den Diskussionen um die Todesstrafe immer wieder darauf hingewiesen wird, daß die Mehrheit der Menschen doch für die Todesstrafe sei. Was wirklich ist, das ist vernünftig; was die Mehrheit denkt, was sozial institutionalisiert ist, soll Richtschnur der Entscheidung sein.