Von Karl Schwarz

Die Rassendiskriminierung in den Vereinigten Staaten nährt sich aus dem schwammigen Boden irrationaler Vorbehalte, den kein sachliches Argument austrocknet. Die Vernunft hat längst Gründe genug geliefert, um der Segregation, der Trennung von Weiß und Schwarz ihre Rechtfertigung zu entziehen: die amerikanische Verfassung setzt Weiße und Schwarze gleich, das Oberste Bundesgericht hat sein Wort gesprochen. Niemand kann ernstlich bestreiten, daß die Farbigen alle Bürgerpflichten in Frieden und Krieg erfüllten, daß sie sich völlig mit dem amerikanischen „way of life“ identifizieren und daß sie ihre Fähigkeiten in höchsten Staatsämtern und in den anspruchsvollsten freien Berufen bewiesen haben. Wer wollte daran zweifeln, daß die Neger den amerikanischen Konformismus durch einen Schuß Musikalität und durch melancholische Nonchalance aufgelockert haben?

Das alles genügt nicht, Vernunft reicht nicht aus für den Durchbruch des Negers in der amerikanischen Gesellschaft. Sie setzt sich nicht durch gegen jene Mischung von Aberglauben, Scheu und Gefröstel vor der andersfarbigen Haut.

Das Urmotiv allen Rassenhasses, die eingebildete Überlegenheit des eigenen oder die angeblich erkannte Minderwertigkeit des anderen menschlichen Stammes, sitzt tief in der Seele der amerikanischen Segregationisten. Auch wo sie sich dem Gesetz beugen, wo sie den Rückzug antreten, weil der Zwang der gesellschaftlichen Veränderung stärker als ihr Vorbehalt ist, ändern sie sich nicht. Im Innern bleiben sie abgesondert von einer amerikanischen Gemeinschaft. Wenn sie schon nicht mehr die Segregation der Schwaben durchsetzen können, so weichen sie aus in ihre eigene Segregation, sie sondern sich ab von einer aufbrechenden Gemeinschaft, die von alten Vorurteilen nichts mehr wissen will.

Exponent der Segregation ist Gouverneur George Corley Wallace. Er hat sich auf diesen Platz nicht gedrängt. Viele könnten ihn einnehmen; die Wortführer der Rassentrennung wechseln in schneller Folge. Im vorigen Jahr war es der Gouverneur von Mississippi, Ross Barnett der die Zulassung des farbigen Studenten Meredith zur Staatsuniversität von Oxford verhindern wollte. Heute ist es Wallace, der Gouverneur von Alabama. Dieser Staat gehört mit Mississippi und Südkarolina zu jenen drei Südstaaten, die sich der Schulintegration am erbittertsten entgegenstemmen.

Die Situation erinnert gespenstisch an die Kriegsjahre in Algerien. Dort waren die französischen „Schwarzfüße“ – die kleinen weißen Angestellten, die Tankstellen- und Restaurationsbesitzer, die Inhaber von Einzelhandelsgeschäften und mit ihnen das weiße Proletariat – die Bannerträger der Herrenideologie. Ignoranz und Angst um die eigene Existenzgrundlage verbanden sich bei ihnen zu einem gefährlichen politischen Ferment. Auch in Alabama und in anderen Südstaaten sind es die gleichen sozialen Schichten, die sich der Integration entgegenstellen.

Ihr Wortführer Wallace stammt aus ärmsten Verhältnissen. Er wurde 1919 als viertes Kind einer Farmerfamilie geboren, der Vater starb früh, und so mußte die Mutter die Familie mit Näharbeiten mühsam durchbringen. George Wallace kämpfte sich nach oben. Sein Studiengeld verdiente er als Kellner oder Küchenhelfer. Als Amateurboxer – die leicht eingeschlagene Nase ist eine Erinnerung an seine Ringschlachten – gewann er den Goldenen Handschuh von Alabama im Bantamgewicht. Ein Leichtgewichtler, behende, schnell auf den Beinen und anspruchslos. Als Gouverneur von Alabama kürzte Wallace den Haushalt seines eigenen Amtes um hunderttausend Dollar, schaffte ein Viertel aller Dienstwagen der Staatsbehörden ab und fährt selbst in einem Polizeiwagen, der nur Normalbenzin – kein „Super“ – tanken darf. „Ich hatte niemals Geld zu vergeuden und werde auch das Geld des Steuerzahlers nicht verschwenden“, sagt dieser Gouverneur. Er bringt es jedoch auch fertig, sich mit der Geste eines geschlagenen Napoleon an das Tor einer Universität zu stellen, in die zum ersten Mal zwei Farbige, von Bundesbeamten geschützt, als Studenten einziehen. Wallace ist ein Mann, den die Ereignisse, die besonderen Voraussetzungen seines Staates in eine Situation gestellt haben, die ihn zum Posieren und zur Prätension verführt – weit über sein Format hinaus. Er hat, sich nach oben durchgekämpft, die Enge seines Horizonts aber hat er nicht verloren.