Aus einigen Gründen, die noch deutlich werden, habe ich im Großen Brockhaus nachgeschlagen, um zu sehen, was hier unter dem Stichwort „Alter“ mitgeteilt wird.

Da gibt es eine ganze Reihe von Unterabteilungen: Zum Beispiel „Altersstufen, rechtliche Bedeutung“; dann „Altern, die letzte Phase im Lebenszyklus der Organismen“; dann „Altersblödsinn, senile Demenz“; dann „Altersfürsorge“; dann „Altersheim“ ... und noch einiges.

Ich studierte alle diese Artikel und fand nichts, was mir sagte, wie ich, ein alter Mann, fühle – und wie ich mit meinem Alter fertig werden kann. Das hat nun die Welt-Literatur (von der römischen, unter dem Titel „De senectute“, bis zu dem Schriftsteller-Arzt Dr. Martin Gumpert, der vor einigen Jahren starb) ausgiebig getan. Und Tag für Tag wächst die Beschäftigung mit unserem Thema.

In diesem Jahrhunderte alten Schrifttum ist der Greis zu Zeiten Ende Dreißig, in unseren Tagen einige Jahrzehnte älter. Aber das Problem blieb dasselbe. Und fast immer gehörten diese Bücher und Artikel zur Trost-Literatur. Heinrich Mann sagte zuletzt, wenn man ihn fragte, wie es ihm geht: „Alter ist die hoffnungsloseste aller Krankheiten.“ Daher das ungeheure Aufgebot an Trost-Versuchen.

Nichts gegen das Trösten. Ganz im Gegenteil: die Angewohnheit unserer Tage, im Trösten eine konterrevolutionäre Aktivität zu sehen, die das Fortschreiten verhindert, gehört zu den großen, unhumanen Aberglauben der Zeit. Jeder hat nötig, getröstet zu werden: durch eine Philosophie, ein Gedicht, eine Tonfolge, einen Spaziergang durch den Wald. Zumal das ewige stereotype Gerede vom beschädigten Leben das Leben bestimmt nicht verbessert. Aber Trost muß wirksam sein; oder er beleidigt und verschlimmert die Lage des Mannes, der getröstet werden soll.

Hiob litt am unerträglichsten, als die guten Freunde versuchten, ihm ihren phrasenhaften, nicht tröstenden Trost zu applizieren. Das Schlimmste, was dem alten, geschlagenen Mann nach allem noch geschehen konnte, war dies Gutzureden von Leuten, die eher sich beruhigen wollten als ihn, indem sie ihm weismachten: es ist doch alles in schönster Ordnung.

Ein bißchen empfinde ich wie Hiob, wenn ich zum Beispiel die Consolatio philosophiae des Boethius lese, dieses Hiob des sechsten nachchristlichen Jahrhunderts. Und ebensowenig Trost kann ich entdecken in jener Trost-Elegie an Livia, der Gattin des Augustus, nach dem Tode ihres Sohnes Drusus; vielleicht hat Ovid dies Poem geschrieben, wahrscheinlich ein Späterer unter Ovids Namen.