K. Sch., Washington, im September

Die großen Weizenkäufe der Sowjetunion in Kanada und Australien, haben tiefgehende Wirkungen auf den amerikanischen Osthandel mit nicht rüstungswichtigen Gütern, auf die amerikanische Zahlungsbilanz und möglicherweise auch auf die amerikanische Politik. Die Abschlüsse – Käufe im Wert von 500 Millionen Dollar aus Kanada und ein 100-Millionen-Kontrakt mit Australien – sind mit Wissen und Billigung der USA-Regierung zustande gekommen; ihre erste, unmittelbare Auswirkung ist die Abschöpfung des Überschusses der kanadischen Weizenproduktion, die dazu führen wird, daß Kanada seine anderen Kunden in den nächsten zwei Jahren nicht alle voll befriedigen kann. Damit eröffnet sich für die ebenfalls an hohen Produktionsüberschüssen leidenden amerikanischen Farmer die Aussicht, auf dem Weltmarkt bedeutend größere Weizenmengen als bisher abzusetzen, überdies zu gefestigten Preisen.

Die ersten, allerdings sehr optimistischen Schätzungen lauten, der gesamte amerikanische Agrarexport werde sich dadurch um zehn Prozent auf 5,5 Milliarden Dollar im Jahr erweitern. Treffen diese Voraussagen zu, so trete eine beträchtliche Entlastung der amerikanischen Zahlungsbilanz ein, die ständig hohe Defizite von über zwei Milliarden Dollar im Jahr verzeichnet. Der Dollar würde gekräftigt, die Stützung der Landwirtschaft durch bedeutende Regierungszuschüsse könnte gelockert werden. Auch Auswirkungen auf den amerikanisch-europäischen Hähnchenkrieg wären denkbar, wenn die amerikanischen Farmer mit anderen Produkten im Export mehr zum Zuge kämen.

Für die amerikanische Regierung und die Geschäftswelt sind die sowjetischen Weizenkäufe der Anlaß, nun die Handelspolitik mit dem Ostblock gründlich zu überprüfen. Nach Angaben, die in einer Besprechung des amerikanischen Handelsministers Hodges mit einer Gruppe sachverständiger Geschäftsleute in der vergangenen Woche gemacht wurden, hat der Handel der nichtkommunistischen Nationen mit dem Ostblock im vorigen Jahr ein Volumen von rund fünf Milliarden Dollar erreicht, an dem die USA nur mit 125 Millionen Dollar beteiligt sind. Obgleich die meisten Embargo-Bestimmungen für kriegswichtige Güter, die nicht an die Sowjetunion und ihre Trabanten geliefert werden sollen, von den NATO-Partnern eingehalten werden, sind die europäischen Industrieländer im Handel mit der Sowjetunion liberaler als die USA. Der von der amerikanischen Regierung stimulierte Wandel in den sowjetisch-amerikanischen Beziehungen, der zu einem Ausgleich führen soll, fördert aber auch in den USA die Tendenzen zugunsten eines freizügigeren Warenaustausches mit den Russen. Die Geschäftsleute, die mit Hodges konferierten, empfahlen daher bereits eine „Neueinschätzung“ des Osthandels. Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Demokraten im Senat, Senator Humphrey, sprach offen aus, was viele andere denken: „Wir weigern uns, den Sowjets Waren zu verkaufen, deren Lieferung unserer Sicherheit in keiner Weise Abbruch tut.“ Allerdings gibt es immer noch viele Gegner eines großzügigeren Handels mit dem Ostblock. Die Erinnerung an nichtbezahlte Lieferungen aus dem Pacht-Leihabkommen ist immer noch lebendig, auch ist nicht vergessen, daß die Sowjets mit ausländischen Patenten recht „großzügig“ umgegangen sind. Und nicht zuletzt kommt dazu die Furcht, die USA könnten mit diesen Lieferungen ihren Gegner hochpäppeln.

Eine sehr schnelle Änderung der amerikanischen Osthandelspolitik ist daher nicht zu erwarten, aber sie wird von der Regierung, von der Geschäftswelt und zum Teil auch vom Kongreß bereits ausdrücklich befürwortet. Vorläufig ist es für die Amerikaner nämlich gar nicht möglich, sich an dem Weizengeschäft zu beteiligen. Von der Bundesregierung subsidiertes Getreide darf an den Ostblock nicht verkauft werden. Kaum war jedoch das Kanadageschäft unter Dach und Fach, als auch schon zwei der größten Farmerverbände sich dafür aussprachen, diese Restriktionen abzubauen. Landwirtschaftsminister Freeman hat darauf geäußert, den Sowjets sollte es gestattet werden, Weizen zum amerikanischen Inlandspreis zu erwerben. Dieser Preis liegt aber wesentlich höher als der Weltmarktpreis. Die Sowjets werden wohl kaum auf derartige Offerten eingehen. Sie warten ab, bis den Amerikanern der Mund noch etwas wäßriger wird.

Die politische Bedeutung der sowjetischen Käufe steht in den Überlegungen der USA-Regierung nicht an letzter Stelle. Gewiß hat es Unbehagen verursacht, daß, wie schon früher, ein Teil der kanadischen Lieferungen für Kuba abgezweigt wird. Die Aufregung darüber ist allerdings oberflächlich, da sich die amerikanische Öffentlichkeit in den abgelaufenen Jahren mit weitaus umfangreicheren kanadischen Lieferungen an die Volksrepublik China abgefunden hat. Für die USA-Regierung steht im Vordergrund, daß die Sowjets mit ihrer jährlichen Bevölkerungszunahme von drei Millionen Menschen mehr hungrige Münder zu stopfen haben, als ihre Landwirtschaft zur Zeit ausreichend ernähren kann – ganz abgesehen von ihren Verpflichtungen gegenüber anderen Ländern. Die These, daß Chruschtschow es sich nicht leisten könne, die sowjetische Bevölkerung mit Nahrungsmitteln und anderen Konsumgütern nur mangelhaft zu versorgen und daß ihn dieser Zwang geneigt mache, den Rüstungswettlauf zu zügeln, scheint sich mit dem Weizenkauf zu bestätigen. Für Washington bedeutet er daher eine handfeste Rechtfertigung der mit dem Atomabkommen eingeleiteten Enspannungspolitik, die durch eine Liberalisierung des amerikanischen Osthandels wirkungsvoll ergänzt werden könnte.