Der Hirtenbrief der deutschen Bischöfe, der am vergangenen Sonntag auf allen Kanzeln verlesen wurde, verblüffte dadurch, daß mißlungene sprachliche Wendungen wie die von der „zersetzenden“ und der „aufbauenden“ Kritik vorkamen. Gewiß sind derartige Formulierungen älter als das „Dritte Reich“, doch eben in jener Zeit wurde die Parole, die Kritik müsse stets aufbauend, und dürfe nie zersetzend sein, ganz außergewöhnlich strapaziert. Befehl von oben: Schon wurde beispielsweise aus dem vitalsten „Kunstkritiker“ ein entmannter „Kunstbetrachter“. Niemand vergißt diese Zeit intellektueller Entwürdigung, und sei er selbst – komisch genug – nur als „Musikbetrachter“ tätig gewesen.

Übrigens sind es katholische Intellektuelle, gegen die der Hirtenbrief der katholischen Bischöfe sich am Vorabend der zweiten Konzil-Periode wendet. Zwar werden die Namen des Romanautors Böll, des Kulturphilosophen Amery- und des Wiener Hochschulprofessors Heer nicht ausdrücklich genannt. Aber wenn auch nicht ihre Persönlichkeiten, so wurde doch ihre Ideenwelt; geschildert. Motto: ‚Diese Richtung paßt uns nicht.‘

Die betroffenen Autoren werdend hinnehmen. Nenne man sie „Linkskatholiken“ oder „Antiklerikale“ oder was immer: Niemand, selbst kein Bischof, sollte ihnen absprechen dürfen, daß es Leute von Überzeugung sind – von katholischer religiöser Überzeugung–, die eben hieraus ihre Ideen, Kraft, Courage und Zuversicht schöpfen, mit den Forderungen des modernen Lebens und der Zukunft fertig zu werden. Nichts anderes will schließlich das Konzil.

Eine sehr fromme Frau, die möglichst jeden Tag mit dem Gang zur Kirche begann, pflegte zu sagen: ‚Man muß selbstverständlich katholisch sein, aber man darf ruhig Krach haben mit den Pastoren!‘ Ich zweifle nicht, daß diese Frau (es war meine Mutter) heute im Himmel ist. J. M.-M.