Von Petra Kipphoff

Die vorliegende Auswahl soll einen der brillantesten deutschen Schriftsteller ... wieder in das literarische Bewußtsein rücken" – so und ähnlich lauten die Formulierungen, mit denen sich eine gewisse Kategorie von Büchern wappnet, die in den letzten Jahren einen immer größeren Teil der Verlagsproduktionen ausmacht: die Auswahl und Sammelbände, die Faksimiledrucke und Anthologien. Die Autoren (oder ihre Erben) können’s zufrieden sein: Manch Verkannter (und oft schon Verblichener) wird so erst überhaupt zum literarischen Leben erweckt, mancher endlich wieder ins literarische Bewußtsein ... (siehe oben).

Gewiß, es ist schön und für manchen wohl auch sogar nützlich, daß man die "Zeitung für Einsiedler" im Faksimile beschauen kann und daß im Zuge dieses unvoreingenommenen Sammeleifers Kerr genauso sorgfältig aufbewahrt wird wie Goethe. Man darf aber vielleicht trotz der Freude am uneingeschränkten Lesegenuß einmal nach den Gründen fragen, von denen die Existenz oder Nicht-Existenz solcher Editionen abhängt. Und da gibt es, wie mir scheint, doch wohl nur zwei Kriterien, die einen Wiederbelebungsakt rechtfertigen: 1. die literarische Qualität und 2. den dokumentarischen Wert. Wenn nicht wenigstens die eine oder die andere Qualität gegeben ist, ist der Konservierungswille allenfalls ein Vorwand für den (begreiflichen) Wunsch, den Konsumierungswillen des Publikums um jeden Preis zu steigern.

Wie zum Beispiel steht es mit Maximilian Harden, der, mit der eingangs zitierten Begründung, jetzt in einem Auswahlband erschien –

Maximilian Harden: "Köpfe" – Porträts, Briefe und Dokumente, herausgegeben von Hans-Jürgen Fröhlich; Rütten und Loening Verlag, Hamburg; 270 S., 11,80 DM.

Maximilian Harden, mit bürgerlichem Namen Felix Witkowski, wurde 1861 in Berlin geboren, gab von 1892 bis 1922 die Wochenzeitung, "Die Zukunft" heraus, wurde 1922 von einer antisemitischen Bande mit einer Eisenstange zum Krüppel geschlagen und starb 1927 in der Schweiz. Hardens Lebenswerk war "Die Zukunft", eine Zeitschrift, die ihn in Berlin, Deutschland und sogar in Österreich zum berühmten und gefürchteten Manne machte. Als Herausgeber dieser Zeitschrift erhielt er freundliche bis untertänige Briefe von Thomas Mann bis Rilke. Wichtiger als die Literatur war für Harden allerdings die Politik, in der er auf seine eigene Weise mitspielte, eine nicht unerhebliche Rolle übrigens. Er intrigierte gegen Wilhelm II. und für Bismarck und arbeitete so perfekt mit Holstein zusammen, daß heute schon kaum mehr auszumachen ist, wer wem eigentlich in die Hand gearbeitet hat bei den Stürzen, Prozessen und Säuberungsaktionen im Umkreis des Kaisers.

So könnte man meinen, daß Harden aus fast einem halben Jahrhundert Retrospektive als politische Hintergrundfigur interessiert, daß sein Werk als ein ausgezeichnetes und aufschlußreiches Dokument für das, was auf der einen Hälfte der Bühne damals gespielt wurde, einen beträchtlichen Wert als kulturhistorische Quelle besitzt. Denn nichts gab es, was Harden nicht wußte, nicht notiert hatte, überall hatte er seine Finger drin, scheute vor keinem Thema und vor keiner Beweisführung zurück, hatte Eintritt in jedes Haus (und sei es auch nur, weil man ihn fürchtete) und erwähnt ja auch oft genug, daß er gar manchen hohen Herrn im Schlafrock erblickt habe.