Von Hermann Bohle

Brüssel, Anfang Oktober

Denn nichts ist törichter, als zu behaupten, unsere Unternehmung sei gegen den Ostblock gerichtet. Was wir tun, tun wir für uns und für die freie Welt als Ganzes. Wir tun es mit den friedlichsten Mitteln, die man sich denken kann, und wir tun es schließlich in der Hoffnung, eines Tages selbst die von der Nützlichkeit der Kooperation überzeugen zu können, die heute noch glauben, unsere Gegner sein zu müssen.

So umriß Professor Walter Hallstein, Präsident der Europäischen Wirtschaftskommission in Brüssel, vor 16 Monaten den Willen der EWG, als atlantischer Partner der USA der gute Nachbar Osteuropas zu sein. Auch Bundeskanzler Adenauer sprach zu Beginn dieses Jahr es von der Zeit, zu der die Europäischen Gemeinschaften ihren Blick nach Osteuropa richten müßten: denn dort liege eigentlich die größte Aufgabe für die europäische Zusammenarbeit.

Schließlich hob auch das Bonner Memorandum an die Sowjetregierung schon im Februar 1962 hervor, die Zusammenarbeit „mit dem gewaltigen Potential des Gemeinsamen Marktes“ könne für ganz Osteuropa und „für die großen Wirtschaftspläne der Sowjetunion“ – wie für alle Beteiligten – von Nutzen sein.

Im Rahmen dieser Leitlinien zeichnet sich in Brüssel eine neue Entwicklung ab: Der Ministerrat der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft hat Moskau über die Bereitschaft der EWG informiert, die gemeinsamen europäischen Zölle auf Wodka provisorisch den niedrigeren für Whisky anzupassen und die EWG-Zölle auf Kaviar und konservierte Krabben aus der Sowjetunion ebenfalls teilweise nicht anzuwenden.

Dieser Beschluß deutet nur die Richtung künftiger Ereignisse an. Denn einen wesentlichen Entspannungsbeitrag zwischen Brüssel und Moskau kann man ihn noch nicht nennen, auch wenn die angebotene, befristete Zollsenkung immerhin zwischen 20 und 25 % ausmacht. Denn sie würde, wenn Moskau die Offerte annimmt, nur Waren betreffen, von denen die Sowjetunion äußerst bescheidene Mengen in die EWG liefert.