HESSISCHER RUNDFUNK

Dienstag, den 24. September, die Sendung:

Der SED-Starkommentator Karl Eduard von Schnitzler hatte vor Monaten im Ostberliner Deutschlandsender Ähnliches versucht. Ihm war es – von einigen propagandistischen Übertreibungen auf kommunistischer Parteilinie abgesehen – damals so halbwegs gelungen, Bezüge zwischen Schlager und gesellschaftlicher Situation herzustellen (besonders überzeugend für die Zeit des „Dritten Reiches“).

Nichts davon beim „Schnulzengericht“ des Hessischen Rundfunks. In den ersten Folgen dieser Sendereihe hatte man den Hörern eine überzeugend negative Auswahl von Schlagern vorgespielt, aus denen sie selber durch Briefwahl den schlechtesten bestimmen sollten. Dem Plebiszit verfiel das Lied „Du armes Schmugglerkind“. Das Volksurteil wurde indes vom Gerichtsherrn nicht bestätigt. Offensichtlich unfähig, ohne den propagandistischen Bierernst Schnitzlers eine vernünftige Analyse dieses Gemütssongs unterhaltsam anzupacken, flüchteten sich die Verantwortlichen für das „Schnulzengericht“ ins andere Extrem: Sie machten nur Klamauk, ließen – ohne enthüllend-boshafte Absicht – den fiktiven Schlager-Autor selbst Gerichtsherrn spielen und die Gerichtsverhandlung mit einem Freispruch enden. Der Trost auf den Weg: Jeder solle im stillen Kämmerlein für sich allein nachdenken, ob solch ein Schlager schlecht sei – und gegebenenfalls, warum.

Wer’s vorher schon wußte, dem schadet diese verlegene Auskunft nicht. Aber die andern, für die die Sendung vermutlich bestimmt ist, sie denken, das alles war nur ein Spaß und habe nichts zu bedeuten. Leider haben sie Recht. O. K.