Was den Ernährungsausschuß Vorsitzenden Bauknecht dazu bewogen haben mag, dieses Bundestagsgremium noch vor Beginn der eigentlichen Parlamentsarbeit zu einer „Sondersitzung“ nach Bonn einzuberufen, liegt noch immer im Dunkeln. Nur Vermutungen drängen sich auf. Alle Welt hatte zunächst erwartet, daß auf dieser Sitzung das große agrarpolitische Bundestagsprogramm mit dem Programm des Bauernverbandes konfrontiert werden sollte – und zwar noch vor dem Bauerntag in Hamburg. Was aber geschah im Ernährungsausschuß? Man unterhielt sich über Kartoffeln und die zu erwartende Marktschwemme, über sonst nichts.

Warum aber diese Eile, da doch die amtlichen Erntevorausschätzungen erst Ende September bzw. Anfang Oktober herauszukommen pflegen? Man hatte offenbar gute Gründe. Der Ausschuß ging nämlich bei seinen Beratungen von einer Ernte von 25 Millionen t aus. Die Schätzer des Statistischen Bundesamts tippen indessen eher auf eine Ernte von 22,5 bis 23,5 Millionen t. Das mag keine große Differenz sein, für den Kartoffelmarkt kann sie indessen entscheidende Bedeutung haben. Der Grat zwischen Knappheit und Schwemme ist hier nämlich sehr schmal, weil der Speisekartoffelmarkt nur knapp ein Drittel des Gesamtangebots aufnimmt. In preislicher Hinsicht spielt dieser Markt die Rolle des „Zünglein an der Waage“; denn bei einer Menge von rund 7,5 Millionen t machen 1,5 bis 2,5 Millionen t mehr oder weniger schon viel aus.

Der Ernährungsausschuß ist nun auf eine Idee gekommen, die angesichts dieser Marktverhältnisse glorios wirkt, aber eben nur wirkt. Der Ausschuß möchte die Einsilierung und Trocknung von Kartoffeln zu Futterzwecken mit 50 Pfennig je Zentner prämieren. Er hofft, damit zusätzlich 3 Millionen t Kartoffeln in die Schweinetröge zu bringen. So weit – so plausibel. Der Ausschuß hat bei diesem Plan nur einiges vergessen. Er hat übersehen, daß die Kartoffelernte 1962 so groß war, daß sie nicht nur das Frühkartoffelgeschäft des Jahres 1963 empfindlich störte, sondern darüber hinaus zu einer beträchtlichen Vorratsbildung in Silagefutter bei den Bauern führte, von der die Schweine noch heute leben.

Diese Vorratshaltung legt es nicht eben nahe, nun das Dämpfen von Kartoffeln gerade im Herbst 1963 mit staatlichen Prämien zu fördern. Ein Zweites hat der Ernährungsausschuß nicht beachtet. Die Getreideernte des Jahres 1963 ist reichlich, aber qualitativ nicht gut. Die Auswuchsschäden sind erheblich. Fachleute rechnen damit, daß deswegen im Wirtschaftsjahr 1963/64 rund 3,8 Millionen t Brotgetreide in die Verfütterung wandern müssen, statt nur 2,3 Millionen t, wie im vergangenen Wirtschaftsjahr. Das Futterangebot für das Vieh steigt also um weitere 1,5 Millionen t Getreidewert.

Ein solch massives Angebot kann nicht ohne Rückwirkungen auf die Schweinemast bleiben, Ohnehin wird schon von Pessimisten befürchtet, daß die Ferkelaufzucht im Frühjahr 1964 zu groß sein wird. Wird jetzt durch den Druck des überreichlichen – weil staatlich prämiierten – Futterangebots die Schweinemast noch weiter ausgedehnt, dann ist „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ damit zu rechnen, daß irgendwann 1964 der Druck auf die Schweinepreise beginnt. Von den zur Zeit für die Bauern erfreulichen Zuständen am Schweinemarkt wird dann im kommenden Jahr nicht viel übrig bleiben, Wohl aber wird es dann ein großes Wehklagen geben. Möglicherweise wird sich der Bund sogar vorwerfen lassen müssen, er habe durch die Förderung der Silage die Misere mitverschuldet.

Noch eine recht hübsche Pointe hat der Ernährungsausschuß zum Thema Kartoffeln beigetragen. Er hat von der Bundesregierung eine Prämie von 50 Mark je t für die Herrichtung von Kartoffeln zum Export in Drittländer“ verlangt. Dafür sollen 2,5 Millionen DM bereitgestellt werden. Die gleichen Abgeordneten werden aber seit Monaten nicht müde, stets und ständig von einer Beseitigung der Wettbewerbsverzerrungen reden, wo immer sie das Wort EWG hören. E. J.