Von Sybil Gräfin Schönfeldt

1929 kam sein erstes Buch heraus: „Emil und die Detektive“. Es wird bis zum heutigen Tage jedes Jahr wieder nachgeahmt. Es ist verfilmt worden. Es hat – mit Wilhelm Speyers „Kampf der Tertia“ (1928) – eine neue Epoche der deutschen Jugendliteratur eingeleitet. Manche sagen, es sei überhaupt das erste deutsche Jugendbuch. Es ist von Lehrern und Literaturkritikern als gutes Jugendbuch anerkannt worden. Und bei all diesem ist es ein Lieblingsbuch der Kinder geworden und geblieben.

Daß Erich Kästner ein Moralist ohne Moralsäure ist, haben so viele so oft festgestellt, daß es vermutlich in sämtlichen Literatur- und anderen Lexika steht. Aber nicht in dieser „Moral“ allein liegt die Faszination seines Emil und der folgenden Romane.

Es ist vielmehr die Kombination von einer spannenden und rührenden Fabel, von sorgfältig typisierten Personen, von Alltagsjargon und Alltagsmilieu (sehr genau beobachtet und ohne Übertreibung eingesetzt), von sozialer Kritik, einem guten gerechten Ende mit gerade jenem Gran Poesie, der alles erst wirklich bestätigt und vor allem die Erwachsenen mitten ins Herz trifft.

Emil, Pünktchen und Anton, das Doppelte Lottchen: wenn man sie als Kind beim Lesen kennengelernt hat, wohnen sie so in der Erinnerung weiter, daß man später nicht genau weiß, ob man nicht doch vielleicht früher selber mit ihnen gespielt und ihre Abenteuer geteilt hat. Jetzt, ein Vierteljahrhundert später, haben sie neue Gesellschaft bekommen: einen Däumling und einen Zauberer –

Erich Kästner: „Der Kleine Mann“; Cecilie Dressler Verlag, Berlin; 224 S., 10,80 DM.

Zum erstenmal darf ein Erwachsener Kästners Kinderwelt als Gleichberechtigter betreten. Freilich: ebenso wie der Kleine Mann kein ganz richtiger Junge ist, gehört der Zauberer Jokus von Pokus nicht zu den ganz echten Erwachsenen. Beide sind Außenseiter. Das Mäxchen ist der besonders klein geratene Sohn ohnehin liliputhafter Artisteneltern, die vom Eiffelturm geweht werden, so daß Jokus Maxens Pflegevater wird und ihm zum Zauberlehrling ausbildet. Max liebt seinen Jokus zärtlich, wünscht sich jedoch heimlich, so groß wie ein normaler Junge zu werden.