Hermann Bohle:

„Die EWG ist in Gefahr“, ZEIT Nr. 38

Ich verfolge die französische Haltung zu den Fragen der weiteren Entwicklung der EWG mit derselben Besorgnis wie die ZEIT. Der Kernsatz Ihres Artikels „Europas Lebensinteresse verbietet die Agrarautarkie...“ findet meine besondere Zustimmung. Der Verdacht läßt sich nicht, mehr von der Hand weisen, daß der französische General die Institutionen der europäischen Einigung als nichts anderes als ein Medium befrachtet, in dem in unserem Jahrhundert die nationale Machtpolitik betrieben wird. Das scheint seine Art der „Modernität“ zu sein. Wenn seine europäischen und überseeischen Partner dem nicht mit aller Energie widerstreben, werden die gewaltigen Anstrengungen des vergangenen Jahrzehnts vertan sein, weil sie zu weiter nichts geführt haben werden als zu einer französischen Hegemonie in Europa, also zu einer kurzlebigen Groteske.

Die innenpolitischen Gefahren eines solchen Fortgangs der politischen Dinge für die Bundesrepublik sind nicht so klar abzusehen. Aber der gaullistische Obrigkeitsstaat wird aus dem Bereich des Möglichen in den des Wahrscheinlichen rücken, zur Genugtuung derjenigen in Deutschland, die die Demokratie für eine Konvention halfen, unter neuer Firma die alten Geschäfte fortzusetzen.

Der EWG-Vertrag sieht expressis verbis vor, daß die Gemeinschaft auf die Beseitigung der Beschränkungen im Welthandelsverkehr hinwirken soll. Das ist der Sinn und der Hauptinhalt des Artikels 110, der dem ganzen Vertragswerk die wirtschaftspolitische Richtung gibt. Ich habe den Eindruck, daß diejenigen Kräfte, die diese Bestimmung nachdrücklich unterstützen, sich heute schon in der Opposition und in der Minderheit befinden.

Vielleicht werden wir sogar schon bald darüber diskutieren müssen, ob es angesichts der französischen Haltung nicht besser ist, die „Gemeinschaft der Sechs“ zu verlassen und gemeinsam mit Großbritannien und den Vereinigten Staaten ein neues ökonomisches und politisches System zu bilden, das eine wirkliche Partnerschaft zur Grundlage hat. Das würde den zumindest vorläufigen Ausschluß Frankreichs bedeuten. Es würde heißen, darauf zu warten, daß ein alter Mann stirbt. Ein Europa ohne Frankreich ist jedenfalls keine mißlichere Konstruktion als ein Europa ohne Großbritannien und ohne eine enge Bindung an die Vereinigten Staaten.

Adolf Kraus, Berlin-Nikolasee