Von Martin Wieland

London, Anfang Oktober

Als Richter stelle ich Gerechtigkeit über alles“, schreibt Lord Penning in seinem Bericht über die Profumo-Affäre, der letzte Woche in England erschienen ist. Klingt das banal? Er meint es sehr präzise. „Manche Juristen“, sagte er einmal, „hängen zu sehr am Gesetz und zuwenig an Gerechtigkeit. Sie sind Techniker geworden, welche die Bedeutung von Worten analysieren, statt Männer mit Vorstellungskraft zu sein, die allen anderen auf den Wegen vorangehen, die sie beschreiten sollten, und die Gesetze den Zeiten anpassen, in denen wir leben.“

In den Ohren so mancher konservativen Männer des Rechts klingen diese Worte ketzerisch. Ein großer Jurist, Lord Simonds, bezichtigte ihn bei einer Auseinandersetzung über eine Gesetzesreform im Oberhaus tatsächlich der Ketzerei. „Für mich“, sagte Lord Simonds böse, „wird Heterodoxie – oder besser gesagt: Haeresie – nicht anziehender, nur weil man sie Reform nennt.“ Unzweifelhaft gilt Lord Denning vielen englischen Juristen als Exzentriker, dessen Reformwahn gefährlich, dessen Rekord an abweichenden Urteilssprüchen, seit er sich 1944 zum erstenmal auf die Richterbank setzte, nicht nachahmenswert sei. Andere Juristen dagegen, die jüngeren vor allem, bedauern, daß Denning nicht Lord-Chief-Justice ist; für sie verkörpert Denning lebendiges Recht.

An Rang steht nur der Lord Chief-Justice über Denning. Der 64jährige, der Master of the Rolls heißt und Präsident des Appellationshofes ist, hat in knapp zwanzig Jahren eine Karriere gemacht, an die er in seinen Studentenjahren schon aus dem einfachen Grund nicht gedacht hatte, weil er gar nicht Jus, sondern Mathematik studierte. Er bestand seine Schlußprüfungen in Oxford mit doppelter Auszeichnung, fand aber nach kurzer Zeit als Mathematiklehrer, daß er doch andere Ambitionen hatte. „Ich entschloß mich dann für Jus“, sagte er vor kurzem, „eben um Karriere zu machen.“ Und fügte nachdenklich hinzu: „Hoffentlich habe ich die richtige Entscheidung getroffen.“

Macmillan war von der Opposition scharf kritisiert worden, weil er sich entschloß, den Profumo-Skandal durch einen Mann untersuchen zu lassen, anstatt öffentlich von einem richterlichen Tribunal oder einem parlamentarischen Ausschuß. Lord Denning hat selbst in seinem Bericht erklärt, welche Nachteile dieses Verfahren hatte: „Ich mußte Detektiv, Inquisitor, Advokat und Richter in einer Person sein, und es war schwer, das alles zu vereinigen.“ Von Nachteil war auch, daß er nicht das Recht hatte, Zeugen zu vereinigen, und daß andererseits keine Möglichkeit besteht, gegen einen „Schuldspruch“ in seinem Bericht zu appellieren. Vor allem spricht gegen sein Untersuchungsverfahren, daß es nicht öffentlich erfolgt und so im Gegensatz zu dem englischen Diktum steht: „Gerechtigkeit muß nicht nur geübt werden – es muß auch sichtbar sein, daß sie geübt wurde.“

Aber Macmillan hat es sich nicht leicht gemacht. Er mußte einen Mann nominieren, dem niemand taktvolle Schonung der Regierung zuschreiben würde; und Lord Denning hat die Regierung nicht taktvoll geschont. Sein Bericht enthält viel Beruhigendes. Das ganze Land ist froh, von einem so vertrauenswürdigen Mann die Versicherung zu erhalten, daß kein anderer Minister in die Affäre verwickelt war. Doch so sehr auch Macmillan und seine Regierung sich nun bemühen, den Bericht in ihrem Sinn als politisch positiv zu deuten – den einen entscheidenden Satz der Verdammung können sie nicht ungeschrieben machen: „Es war die Verantwortung des Premierministers und seiner Kollegen – und nur ihre –, mit dieser Situation fertig zu werden; und es ist ihnen nicht gelungen, das zu tun.“