Nun also ist es heraus: nicht wer abhört, sondern wer sagt, daß abgehört wird, ist ein gefährlicher Mensch. Nicht den SS-Praktikanten, sondern den Panoramaredakteuren, die sich, auf das Wort eines ehrenwerten Abgeordneten bauend, am Montag offenbar in einem Punkt irrten, wird „Ganoven-Moral“ unterstellt... und dies von Leuten, die sich nicht rührten, als ein Minister das Hohe Haus belog. (Seltsam, mit welcher Dreistigkeit man schweigen, wenn ein Balken kommt, und reden kann, wenn sich ein Splitter naht; seltsam, wie sich, so oder so, der Tatbestand „Beleidigung des Parlaments“ nach dem Parteibuch zu ergeben scheint...)

Mit einem Paukenschlag also begann es; Klagen wurden eingereicht; auch Oberländer, als Rassen-Ideologe und Blutordens-Bewerber apostrophiert, bemüht das Gericht. „Panorama“, zuletzt recht milde, steht wieder am Pranger. Wir hoffen für Proske und das audiatur et altera pars.

Ansonsten, gottlob, ging es friedlicher zu. „Die rote Madonna“, ein vortrefflicher Film über Polen, bewies, daß sich Extreme tatsächlich bisweilen berühren. Man sah zwei weise Asketengesichter, eins so sympathisch wie das andere: Gomulka, linkisch lächelnd, zog seinen Hut; Wyschinski nahm den neu geweihten Priestern ihre Kerze ab, beide, Kardinal und Parteichef, gaben sich polnisch-undoktrinär wie die Liebespaare beim l.-Mai-Defilee oder die Kinder im Krakauer Dom. Fahnen wurden geschwenkt, doch man trug Stola und Fliege und hängte sich ein; ob rote oder schwarze Messe, Aufmarsch oder Gebet: Anmut und Grazie gaben selbst der schematischen Geste das Zeichen der Spontaneität.

Bewundernswert der Kameramann, Caspar Mayr, ein Kontrast-Illuminator, dem man nicht alle Tage begegnet: Erstkommunikantinnen im Industrierevier, kleine weiße; Schatten vor Essen und Schloten; Schwarzmarktmütterchen und Chopin-Pilger im Ausflugshabit; geschminkte Greisinnen im Hinterhof; und immer wieder die beiden sanften Gelehrtengesichter, Brille und Ring, Soutane und Mantel; der Priester und der Marxist – ja, das war sehenswert.

Auch am Samstag blieb man im Osten und zeigte Bilder aus der alten Prager Judenstadt des Rabbi Löw. Da erschienen der klöppelnde Tod und die Tafel in der Pinkas-Synagoge, auf der die Namen von 80 000 Ermordeten stehen; viele, sehr verschiedene Namen und Geburtstage, jedoch die gleichen Todesjahre – 42, 43, 44, monoton aneinandergereiht. Der Friedhof erschien, das Grab des Hohen Rabbi Löw, an dem die Todgeweihten beteten; die Steine, wurden gezeigt, mit denen die Juden, an Wüstensandzeiten erinnernd, in Prag noch heute die Gräber beschweren.

Welch eine Chance, dieser Jom-Kippur, um zu zeigen, was wir verloren, um von Kafka, dem alten Getto, dem fünften Bezirk zu berichten, und die uralte, glanzvoll-elende Geschichte der Josefstadt neu zu erzählen! Erwin Sylvanus aber gab nur einen braven und von wenig Kenntnis bestimmten Rapport, der von Europas heiligstem Judenbezirk so wenig wie von Rabbi Low und dem Beginn der Rudolphinischen Ära enthielt. Kurz, der Film will noch einmal gedreht sein; Peter Demetz mag ihn entwerfen; „Juden auf Wanderschaft“, der große Joseph Roth-Essay soll Pate sein, und ein Celanscher, hebräische Riten evozierender Vers ihm als Motto voranstehen. Dieser Vers heißt: Welchen der Steine du hebst, du entblößt, die des Schutzes der Steine bedürfen... Momos